Manchmal finden sich auf den Schutthalden der modernen Kommunikation entzückende Kleinoden. "Es gibt eine magische Maschine", konnte ich etwa dieser Tage lesen. "Diese Maschine saugt Kohlendioxid aus der Luft, kostet sehr wenig und baut sich selbst. Sie heißt Baum." Ende der Botschaft. Macht nachdenklich, oder? In unserer technokratischen Welt kommt ja die Natur oft nur mehr als Störfaktor, Exotikum oder sentimentale Erinnerung vor. Wir sehen den Wald vor lauter Digitalfunkmasten nicht mehr. Und dann auf Facebook plötzlich dieser Querschläger! Dass sich sogleich kundige Kommentatoren zu Wort meldeten, die auf das in Holz gespeicherte Kohlendioxid hinweisen, oder auf die bessere Unwelt-Leistungsbilanz von Bambus und Hanf: geschenkt.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Man kann lange Klagelieder singen über Social Media, aber ich verteidige Facebook, Twitter & Co. in der Regel. Warum? Weil mir, kurz gefasst, der menschliche Austausch wichtig ist. Bei aller Problematik der gängigen Social-Media-Plattformen: Hier wird immerhin noch getextet, illustriert, informiert, argumentiert, ironisiert, diskutiert und gestritten. Eben nicht nur apathisch-passiv konsumiert. Und es gibt, sofern man sich nicht ausschließlich in einer Blase Gleichgesinnter bewegt, unmittelbar wirkende Korrektive. Hast Du das wirklich durchdacht? Was hältst Du davon? Hier ein Hinweis! Meine Gegenmeinung lautet . . . Und so weiter und so fort.

Ich schätze das. Kein Lernprozess funktioniert ohne Trial & Error. Dass manche nur das aus dem Strom des kollektiven Bewusstseins herauslesen wollen, was sie in ihrer fixen Meinung bestätigt, ist freilich ein Konstruktionsfehler. Allerdings einer der eigenen Persönlichkeit, weniger ein Makel des Mediums. Insofern ist mir die Möglichkeit der beiläufigen Fortbildung lieber als ihre Unmöglichkeit. Und insofern nehme ich, so gewagt die These sein mag, Facebook, Twitter & Co. als eine Art Volkshochschule der Herzen wahr. Inklusive aller dunklen Seiten.

Zu welcher Seite die Botschaften der Hoffnung zählen, die ein unübersehbarer Teil des permanenten Kommunikationsstroms sind, ist mir bisweilen unklar. Ich verbreite sie ja selbst. Über neuartige Batterien, die die zigfache Kapazität bisheriger Speicher haben und etwa E-Autos enorme Reichweiten ermöglichen sollen. Über Fortschritte in der Atomtechnologie, wo langsam, aber doch katastrophensichere Baukonzepte für neuartige Reaktoren Realität werden. Über Solaranlagen, die sogar bei Dunkelheit funktionieren. Über E-Fuels, Quantencomputer, innovative Impfstoffe, Brennstoffzellen, künstliche Intelligenz, you name it . . . Die Wunderwaffen der Zukunft. Zumindest jene der Technikgläubigen.

Aber vielleicht ist das alles (oder zumindest ein Großteil davon) Humbug? Wahrscheinlich. Sicher sogar. Wie oft haben wir schon von mirakulösen Superbatterien, vom Durchbruch einer vermeintlichen technischen Revolution, von der Erfindung der eierlegenden Wollmilchsau gelesen? Hier endet in der Regel die Kompetenz der Facebook-Freundeskreise. Hier muss der "reality check" von fachlich versiertem Journalismus ansetzen. Hier ist Ende Gelände. Falsche Hoffnungen sind falsche Hoffnungen. Aber sind sie nicht besser als gar keine?