Pfoa, sind die behindert, dass die so was überall hinplakatieren? (Wobei: Man ist bekanntlich nicht behindert, man wird behindert.) Das hab ich mir natürlich nicht gedacht, als ich dieses Werbeplakat mit dem gemeinen Spruch drauf gesehen habe, das dermaßen asozial und ungesund sein soll, dass selbst der Sozial- und Gesundheitsminister die zeitnahe Entfernung gefordert hat. Ich hab’s nämlich überhaupt nicht gesehen. Dabei ist es knallgelb. Wahrscheinlich brauch ich eine neue Brille. Eine, die nicht beschlägt, sobald ich die FFP2-Maske aufsetze. Und draußen trage ich eben neuerdings permanent eine. Seit wieder mehr in der Gegend herumgehustet wird. In der Gegend, wohlgemerkt. Obwohl man es in die Armbeuge tun sollte. An der Ampel drücke ich mittlerweile sogar auf dieses klickende Kastl, bitte.

Und was steht auf dem Plakat, das Menschen mit Behinderung retraumatisiert (außer Menschen mit einer Sehbehinderung, die das zum Glück sowieso nicht lesen können)? "Mit einer Behinderung wirst du NICHT gebraucht." Nicht, dass es mit zwei Behinderungen besser wäre. Mein Lieblingsarbeitsloser ist immerhin schwerhörig und über 60. Das Alter ist keine Behinderung? Auf dem Arbeitsmarkt schon. Da kann sich der Bernard G., dessen richtigen und vollständigen Namen er selber bloß noch mit Lesebrille entziffern kann, noch so oft als Mantra vorsagen: "Ich bin nicht alt, ich werde alt!", während er die nächste Bewerbung schreibt, auf die er wieder keine Antwort kriegen wird. Seit zehn Jahren sucht er bereits einen Job. "I konn also bestätigen, dass der Satz woa is. Drum versteh i die ganze Aufregung net. Schon rein akustisch." Schließlich ist er ein Mensch mit dem besonderen Bedürfnis, dass die Leute lauter sprechen, wenn sie mit ihm reden. Ein "Andersfähiger". (Darf man denn Behinderung noch sagen? Oder ist das jetzt eine "Andersfähigkeit"?)

Jedenfalls gibt’s noch weitere Plakatsprüche mit vollschlank gedrucktem "NICHT" ("fett" klingt so abschätzig, und vollschlank ist laut Google "ein beleibter Euphemismus für dick" - oh, hoppala: ein beliebter Euphemismus!): "Älteres Personal einstellen lohnt sich NICHT mehr" und: "Ohne Matura kommst du NICHT weit." "Wer glaubst’n steckt dahinter?", hab ich den Bernard gefragt. "Das AMS." - "?" - "Umgekehrte Psychologie."

Inzwischen hat sich der Urheber freilich geoutet. Eine Supermarktkette. Und in der zweiten Plakatwelle zieht sie Personen, die laut jeweiligem Vorurteil kein Leiberl hätten, eins an. Mit einer Botschaft drauf: "Mit einer Behinderung wirst du GEBRAUCHT", "Älteres Personal einstellen LOHNT SICH", "Ohne Matura kommst du SEHR weit". (Na ja, weit. Einen Billa gibt’s praktisch an jeder Ecke.)

"He, bewirb di doch dort. Weil selbst wenn sie keinen Job für dich ham, kriegst vielleicht wenigstens so a Leiberl als Trostpreis, und das ziehst bei dei’m nächsten Vorstellungsgespräch an und überzeugst damit dein Gegenüber, dass es di braucht." - "Da müsst mi aber erst wer zu an Vorstellungsgespräch einladen." - "Ja eh, da Billa." - "Außerdem ham die sicher ka Leiberl in meiner Größe. Für mi drucken die net amoi a retraumatisierendes Plakat, das behauptet, Dicke würden andern einen Arbeitsplatz wegnehmen, weil die glei zwei Arbeitsplätze brauchen." - "Du bist vollschlank, net dick." - "Und trotzdem arbeitslos."