Gerade die Fachjournalisten des Branchenmagazins "Horizont" sollten es besser wissen. Wären dieser Satz in einem bunten Bezirksblatt gestanden, hätte man es auf die Oberflächlichkeit und Ahnungslosigkeit peripherer Medien zurückgeführt, so aber erstaunt er doch. In einem Porträt des scheidenden ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz lautete das finale Verdikt: "Den Schlußstein in seine Karriere konnte er freilich nicht mehr setzen: Ins digitale Zeitalter führt den ORF ein anderer."

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Wäre ich Wrabetz, hätte mich das doch gewurmt. Hat man am Küniglberg das Internet verschlafen? Arbeiten die Redaktionen dort noch mit TippEx, Bandmaschinen und Filmkameras? Besitzt der Generaldirektor überhaupt einen Computer? Wohl eher nicht. Was ist also mit dem ominös schimmernden "digitalen Zeitalter" gemeint? Ich habe es mir verkniffen, nachzufragen. Vielleicht ist ja ein Verlag, der noch tonnenweise Papier bedruckt, auch nicht die richtige Adresse dafür. Wenige Wochen nach dem Erscheinen des Chef-Porträts überschlug sich eben jenes Fachmedium ob des Eintritts des ORF in die TikTok-Sphäre vor Begeisterung. Das ist wohl gemeint: das Mitmischen in der Welt der sogenannten sozialen Medien, On Demand-Plattformen und generell im World Wide Web. Online first, online only. Wenn ich mich recht erinnere, hat das größte Medienunternehmen des Landes das schon lange vor der Ära Wrabetz getan. Und es hatte eine Pionierrolle darin - wenngleich es von der wenig visionären Politik des Landes niederreglementiert, beschnitten und gebremst wurde. Und bis heute wird. Auch Wrabetz, Meister des Ziehens feiner medienpolitischer Fäden, hat daran nichts geändert. Für die Zukunft weiß man(n) es hoffentlich besser.

Okay, TikTok. Ich stimme ja ungern in den allgemeinen Jubel über die Errungenschaft ein, dass dort nun auch die "Zeit im Bild" vertreten ist. Zwei junge, engagierte journalistischen Fachkräfte müssen die schwierige Aufgabe bewältigen, komplexe Inhalte in halbwegs seriöse Informations-Bits und -Bytes zu zerlegen. Und dafür tagtäglich, Influencer-like, ihr Gesicht hinhalten. Die ersten Beiträge, berichtete Leitwolf Armin stolz, wurden mehr als 700.000 mal gesehen und generierten 55.000 Follower binnen eines Tages.

TikTok ist allerdings, so sehr die Zahlen auf den ersten Blick beeindrucken mögen, vorrangig ein Hort pubertärer (um nicht zu schreiben: infantiler) Statements zum Weltgeschehen, die mehr mit Entertainment, Nonsens, Fake News und Selbstdarstellung zu tun haben als mit analytischen Tugenden. Freilich kann man dem couragierten Unterfangen, öffentlich-rechtlichen Aufklärergeist in das Kinderzimmer einzuschmuggeln, Respekt entgegenbringen. Es ist der Versuch, die Konsumenten "dort abzuholen, wo sie sind" - was ja für kommerzielle Kanäle eine (Überlebens-)Notwendigkeit sein mag, für jene mit höheren Ansprüchen aber der Selbstaufgabe nahekommt. Nachwuchs mit Aktualität, Qualität, Zeitgemäßheit und technischer Zugänglichkeit anzuziehen hielte ich für weit nobler. Ob diese "alternativlose" ORF-"Revolution" von Dauer ist? Sagen wir so: das werden nicht mehr alte weiße Männer entscheiden (und denken Sie sich einen Smiley dazu).