Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Eigentlich bin ich ja kein Freund der Vergangenheitsverklärung, nach dem Motto: Früher war alles besser, einfacher, weniger kompliziert (billiger sowieso). Und es stimmt ja auch nicht, zumindest nicht immer. Oder sehnt sich wirklich irgendjemand nach der Zeit zurück, als man bei jedem banalen Grenzübertritt zum Einkauf nach Österreich (oder umgekehrt) von teils herrischen, teils unübersehbar gelangweilten Polizisten nach Ausweis und mitgebrachten Waren gefragt wurde?

Wer sehnt sich zurück nach verstunkenen Raucherbereichen in Flugzeugen und Großraumwaggons? Oder nach dem klassisch lieblosen Frühstück in österreichischen Urlaubspensionen mit dünnem Kaffee, teigiger Massenware namens Kaisersemmel und abgepackten Marmeladen, bei denen man vor lauter Gelierzucker die Frucht nur ahnen konnte? Andererseits überkommen einen im Alltag dann doch immer wieder nostalgische Gedanken an früher, als bestimmte, eher banale Dinge noch kein Staatsakt waren.

Etwa der Kauf eines neuen Staubsaugers. Als mein zwanzig Jahre altes Modell jüngst das Zeitliche segnete, dachte ich mir nichts Böses und machte mich auf zum nächsten Elektronikmarkt (da bin ich ganz alte Schule, der stationäre Einzelhandel ist mir heilig und das Beste am Gestern). Doch statt, wie erwartet, auf ein bescheidenes Angebot von vielleicht zehn verschiedenen Modellen zu stoßen, stand ich plötzlich vor Dutzenden Geräten und ganz unerwarteten Fragen: Mit Beutel oder ohne? Akku oder nicht? Und, wenn Ersteres, welche Laufzeit? Wenn Kabel, dann Reichweite 9 oder 13 Meter? 79 oder 899 Euro ausgeben? Oder vielleicht gleich - Quantensprung! - einen Saugroboter mit dem schönen Namen Roomba nehmen?

Im Grunde ging es um eines: Wollte ich modern sein und mit der Zeit gehen, wie es so schön heißt, oder im Gestern verharren, verknöchert, zukunftsskeptisch, typisch alter weißer Mann? Der Staubsaugerkauf, so schwante mir, wurde zu einer Fundamentalangelegenheit, es ging um Weltbild, Lebensentwurf, ja um Identitätsfragen. Wer bin ich, wie sehe ich mich selbst, wie möchte ich gesehen werden? Bin ich schon Dyson, gar iRobot oder noch Rowenta? Eilends verließ ich den Markt - der zumeist in schwer verständlichem Technikjargon sprechende Fachverkäufer sah mir irritiert-mitleidig hinterher - und grüble seither darüber nach.

Derweil werden um mich herum die Staubflusen immer größer und dichter. Vielleicht, so denke ich, sollte ich mir lieber einen Laub- bzw. Staubbläser anschaffen und alles einfach nach draußen blasen, den ganzen Staub, mein angestaubtes Denken, den Mief von tausend Jahren. Aber ob dieser Kauf so einfach sein wird?