Älter werden: Wer es ausprobiert, kann es nur beschränkt weiterempfehlen. Stetig steigende körperliche Unannehmlichkeiten, häufigere Besuche beim Zahnarzt mit schmerzhaften finanziellen Belastungen, und sogar alte Hobbys werden zunehmend anstrengender (z. B.: Saufen). Ja, es stellt sich nach einem langen Abend am nächsten Morgen der Verdacht ein, dass es sich bei Alkohol um ein gefährliches Nervengift handelt. Denn was man vor 25 Jahren noch mit einer kalten Dusche erfolgreich bekämpfen konnte, hat nun plötzlich drei Tage Nachwirkungen. Gar nicht zu reden vom Musikgeschmack. 95 Prozent aktueller Tanzmusik ist plötzlich in erster Linie eins: laut. Und dann ertappt man sich obendrein noch dabei, total uncoole Sachen gut zu finden. Jazz etwa. Oder noch schlimmer: Moderne Klassik.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de

Und das Allerschlimmste: die Jungen. Erstens werden sie immer mehr. Und zweitens: Je mehr sie werden, desto weniger gehört man dazu. Seltsamerweise finden die auch ganz andere Sachen lässig als man selbst. Dabei kennt man sich doch aus! Schließlich ist man ja schon seit Jahrzehnten jung. Nur die Jungen wollen das nicht einsehen und haben sogar abweichende Meinungen. "Die Jugend ist an die Jugendlichen verschwendet", sagte einst George Bernard Shaw. Aber wer kennt den schon noch? Die Jugend eher nicht. Denn er ist nicht auf Instagram.

Aber natürlich gibt es auch angenehme Effekte des Älterwerdens. Man weiß, dass man nichts weiß. Frei nach Sokrates. Auch so ein alter Depp ohne eigene Webseite. Auch gut: Die blödesten Fehler hat man schon gemacht (hoffentlich), die größten Leidenschaften sind schon abgekühlt (wahrscheinlich), die dümmsten Annahmen schon widerlegt (vielleicht). Mit der Gelassenheit eines Schiffbrüchigen treibt man auf Demenz, Gebrechlichkeit und Verwesung zu. Dafür weiß man, wie lange Rinderbäckchen in Rotwein brauchen und dass es keinen Sinn hat, die Temperatur zu steigern. Es hilft nichts. Sie werden dadurch nicht besser. Man legt währendessen lieber eine Patience am Küchentisch. Analog. Mit echten Karten. Und hört Platten (aus Vinyl), die älter sind als man selbst. Uroldschool.

Und was man natürlich auch gelernt hat: Umgib Dich mit Menschen, die Du auch wirklich magst.

Natürlich ist es verlockend, Leute um sich zu scharen, die - so wie Du junger Wilder - hinauf wollen. Und zwar schnell. Die es eilig haben und keine Skrupel. Klar geht dann was weiter. Dann werden die Konkurrenten aus dem Weg geräumt und kleine Betrügereien wachsen sich zu größeren Schweinereien aus. Weil es funktioniert. Und dann geht man noch weiter, so weit, wie man noch nie gegangen ist. Wurscht, der Zweck heiligt die Mittel. Gemma, gemma, geht do!

Nur, wenn dann was schiefgeht, setzen diese zarten Absetzbewegungen ein. Einer nach dem andern dreht sich langsam dem Ausgang zu. Will nicht dabei gewesen sein. Oder fängt an zu erzählen, wie das so gelaufen ist. Um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Wenn man älter ist, weiß man, dass charakterlich herausgeforderte Menschen ebensolche sind. Auch wenn sie sich "Prätorianer" nennen. Oder "Parteifreund". Oder "Meinungsforscherin".

Wenn man jung ist, muss man das erst lernen. Auch als jüngster Exkanzler Europas.