Der Schriftsteller Ludwig Laher kritisiert in einer Suada, veröffentlicht als "Kommentar der anderen" im "Standard", einen "achtlosen Umgang mit der Sprache, der ihn fassungslos macht". Als Übeltäter nennt er den Gesundheitsminister und den Salzburger Arbeiterkammerpräsidenten. Nicht nur sie, auch viele andere, hätten gemeint, dass das Pflegepersonal in der Pandemie "Unmenschliches" geleistet habe und dass dies finanziell rasch abgegolten werden müsse.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Laher kennt nur eine Bedeutung von "unmenschlich": grausam gegen Menschen und Tiere. Darauf aufbauend spinnt er eine Geschichte: "Dass die Regierung tatsächlich kaltschnäuzig mit schlechtem Beispiel vorangeht und Ärzte sowie Pfleger jedweden Geschlechts für ihr barbarisches Verhalten den ihnen Anvertrauten gegenüber mit finanziellen Sonderzuwendungen belohnt, das geht entschieden zu weit. Ich stelle mir lebhaft vor, wie diese Teufel in Weiß den schwer atmenden Corona-Intensivpatienten mit heimlichem Grinsen die Sauerstoffzufuhr abschneiden, um an die 500 Euro Prämie zu gelangen, und wundere mich, dass niemand aufschreit."

Nach der Floskel "Sarkasmus beiseite" sagt Laher, worum es ihm geht. Man müsse zwischen "unmenschlich" und "übermenschlich" genau unterscheiden. Denn "das Wörterbuch", er sagt uns nicht welches, definiere "unmenschlich" als "grausam gegen Menschen und Tiere", während "übermenschlich" für etwas anderes steht: Für das in Extremsituationen nachweisbare Überwinden von Grenzen, die der Kraft, der Leistungsfähigkeit des Menschen gewöhnlich gesetzt sind. Laher gibt zwar zu, dass man im Internet zahllose Belege für jene Verwendung findet, die er für falsch hält, aber er beharrt auf seiner Meinung. Hat er wirklich recht?

Die Wörterbücher in meinem Regal kennen zwei Hauptbedeutungen von "unmenschlich": Grausam gegen Menschen und Tiere ist die eine. Aber "unmenschlich" hat auch eine andere Bedeutung: etwas leisten, das die menschlichen Kräfte zu übersteigen droht. Das Wort wird außerdem auch intensivierend bei Zeitwörtern verwendet: "Wir haben unmenschlich viel zu tun." Niemand würde sagen: "Wir haben übermenschlich viel zu tun."

Der Gesundheitsminister und all die anderen, auch jene ORF-Redakteure, die darüber berichteten, haben sich also nicht eines "achtlosen Umgangs" mit der Sprache schuldig gemacht. Der von Laher als falsch klassifizierte Sprachgebrauch gilt als gutes Deutsch, übrigens seit langem. Heinrich von Kleist, beispielsweise, verwendet den Ausdruck in seinem Theaterstück "Prinz Friedrich von Homburg" in diesem Sinn. Natalie bittet ihren Onkel, den Kurfürsten, um Gnade. Er möge das über ihren Geliebten verhängte Todesurteil, er war unter Missachtung eines Befehls zu früh in die Schlacht gezogen, aufheben: "... das wäre so erhaben, lieber Onkel, / dass man es fast unmenschlich nennen könnte: / Und Gott schuf noch nichts Milderes, als dich." Der Appell, Unmenschliches zu tun, die militärgerichtliche Rechtsprechung in Frage zu stellen, hat Erfolg: Der Kurfürst begnadigt den Prinzen und schenkt ihm auch noch die Hand seiner Nichte Natalie.