Hunderte Unternehmer, Manager, Politiker und statusbewusste Bürokraten reisten deshalb mit Privatjets zum aktuellen Klimagipfel nach Glasgow. Jenseits der vollmundigen Verkündigungen und halbherzigen Beschlüsse, die in diesen Tagen verlautbart werden, war der Auftakt dieser Konferenz vorab eine CO2-Orgie. Natürlich, in Hinblick auf die weltweit ausgestoßenen Treibhausgase fällt das kaum ins Gewicht. Aber hören wir nicht ununterbrochen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt und auch noch der kleinste Verzicht einen Beitrag zum Klimaschutz darstellt? In einer Zeit, in der Symbolpolitik in vielen Bereichen wichtiger geworden ist als die Gestaltung der Realität, mutet es einigermaßen zynisch an, wenn die selbsternannten Retter der Welt sich jener Mittel bedienen, an denen die Erde angeblich so leidet.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Man muss den Staatenlenkern und Wirtschaftsführern für ihre Ehrlichkeit dankbar sein. Offenbar wollen sie mit ihrem Verhalten demonstrieren, dass nicht der Luxus der Wenigen, sondern die banale Bequemlichkeit der Vielen die Ursache für jene Klimaveränderung ist, der man so gerne Einhalt geböte. Und in der Tat: Wären Autofahren, Fliegen und Smartphones ein teures Vergnügen für die Reichen geblieben, könnten wir uns die Klimagipfel sparen. Der politische Skandal an der Erderwärmung besteht darin, dass sie der Preis für jenen ungeheuren, allgemeinen Wohlstandszugewinn ist, der bisher der entscheidende Indikator für sozialen und zivilisatorischen Fortschritt war. Diesen zu stoppen, wird nicht ohne Härten möglich sein. Immerhin: Für eine ältere Generation von Gesellschaftskritikern war das Auto noch jenes Vehikel, mit dem die Arbeiterschaft bestochen und ihres revolutionären Stachels beraubt worden war. Zwingen nun die negativen Folgen der Massenmobilität den wachstumsorientierten Kapitalismus in die Knie, wäre dies eine schöne Ironie der Weltgeschichte.

Entgegen den apokalyptischen Tönen der Klimawarner steht das Ende der Menschheit nicht unmittelbar bevor. Dieses drohte tatsächlich vor einem halben Jahrhundert, als sich im Kalten Krieg Supermächte gegenüberstanden, deren atomare Arsenale ausgereicht hätten, Leben mit einem Schlag zu vernichten. Dass wir heute so tun, als gäbe es diese Massenvernichtungswaffen nicht mehr, gehört zu den erstaunlichsten Verdrängungsleistungen der jüngeren Geschichte. Der Klimawandel wird sich hingegen schleichend bemerkbar machen und im schlimmsten Fall zu Konflikten führen, die aus der Vergangenheit bekannt sind: erbitterte Kämpfe um Ressourcen, Wanderungsbewegungen in Richtung lebenswerter Zonen, asketische Übungen, die man den Schwächeren so lange auferlegt, bis diese sich wehren, Machtkämpfe um Privilegien und Ausgleichszahlungen, Kriege und Bürgerkriege. Möglich, dass es unter verschärften klimatischen Bedingungen weniger Menschen geben wird, aber es wird Menschen geben.

Anstatt den Kampf um die Biosphäre religiös zu verklären, aktionistisch zu instrumentalisieren und moralisch zu kontaminieren, sollte man sich nüchtern auf solche Szenarien einstellen und seine Chancen abwägen. Gerade wenn man barbarische Zustände vermeiden will, muss man angesichts der Unabwägbarkeit der weiteren Entwicklung darauf vorbereitet sein. Alles zu unternehmen, um die globale Erwärmung zu verlangsamen, ist das eine; alles zu tun, um die sozialen Folgekosten dieser Anstrengungen abzufedern, das andere; alles zu versuchen, um die nicht mehr abzuwehrenden Folgen des Klimawandels durch Technologie, Innovationskraft und Verhaltensänderungen gering zu halten, ein Drittes. Gemessen an diesen Vorhaben ist die Quadratur des Kreises eine Fingerübung. Trost kommt, wie so oft, von Karl Marx: "Die Menschheit stellt sich immer nur Aufgaben, die sie lösen kann."