Liest lieber Literatur-Literatur als Klima-Romane: Gerald Schmickl

Liest lieber Literatur-Literatur als Klima-Romane: Gerald Schmickl

Im deutschen Feuilleton läuft zurzeit, angestoßen von "Zeit"-Autor Bernd Ulrich, eine Debatte über die Frage, warum der Klimawandel in der aktuellen Literatur so wenig Spuren hinterlässt. Also warum so wenige zeitgenössische Romane sich mit dem dringlichsten Problem der Gegenwart beschäftigen, der ökologischen Krise.

Bevor ich noch beginne, diese Frage nicht zu beantworten, fällt mir schon ein Gegenbeispiel ein, und zwar der Roman "Macht" der deutschen Autorin Karen Duve (2016). Darin spielt der Klimawandel eine ziemlich (ge)wichtige Rolle, da er im Jahr 2031, in dem die Handlung angesiedelt ist, bereits weit fortgeschritten ist, u.a. in Form von Hitzewellen im April (in Norddeutschland) und Überflutungen ganzer Landstriche und Städte (wie etwa Köln, das im Rheinhochwasser versinkt).

In Karen Duves Roman "Macht" von 2016 (!) ist Olaf Scholz Bundeskanzler. 
- © Verlagsgruppe Random House GmbH

In Karen Duves Roman "Macht" von 2016 (!) ist Olaf Scholz Bundeskanzler.

- © Verlagsgruppe Random House GmbH

Man kann nur hoffen, dass sich der Roman mit seinem dystopischen Ausblick eines Tages nicht als ähnlich prophetisch erweist wie jetzt schon mit seiner politischen Prognose. Denn die deutsche Regierung jener nicht allzu fernen Zeit wird angeführt von - man lese & staune - SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz. Nun dauert es zwar noch ein paar Wochen, bevor die Realität so weit sein wird wie die literarische Phantasie von Frau Duve, aber es geht wohl unbeirrbar in diese Richtung. Olaf Scholz wäre demnach 2031 zwar bereits zehn Jahre im Amt, aber auch das ist nach 16 Jahren Merkel keine allzu gewagte Vorstellung. Und vielleicht ist es bis dahin - so wie in dem Roman - ja auch Wirklichkeit geworden, dass die Regierung aus fast lauter Öko-Feministinnen besteht. Mit eben einer Ausnahme, sodass eine Romanfigur ungläubig fragt: ". . . kann es sein, dass du nicht mitbekommen hast, dass wir zurzeit eine männliche Bundeskanzlerin haben?"

So weit sind wir in Österreich schon lange, zumindest mit den männlichen Bundeskanzlerinnen. Andererseits wäre es nicht nur von Autorinnen & Autoren etwas gar viel verlangt, dass sie bereits vor Jahren einen Ausblick auf die Regierungsspitze Schallenberg/ Kogler herbeischreiben hätten sollen. Wer derlei vorausgesehen hätte, wäre wohl eher Lotto-Millionär als Schriftsteller geworden.

Nun besteht die besondere Gabe von Literaten auch nicht im Prognostizieren bestimmter (partei-) politischer oder personeller Konstellationen, und auch nicht im Heranschreiben an aktuelle Problemlagen (ob ökologischer oder anderer Natur), sondern im Erschaffen eigener, sprachgenuiner Welten.

Und da Literatur, so wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche, zu einer gewissen systemimmanenten Beschäftigung mit sich selbst neigt, ist es wenig verwunderlich, dass viele Romane von - Schriftstellern und Literatur handeln. Das zeigt sich auch in diesem Bücherherbst, etwa in den Romanen von Edgar Rai ("Ascona", über Erich Maria Remarque), Colm Toibin ("Der Zauberer", über Thomas Mann), Felicitas Hoppe ("Die Nibelungen", über besagte Saga) oder Wolf Wondratschek ("Dante, Homer und die Köchin" über - na wen wohl!?). Und ich muss sagen, dass ich derlei Bücher viel lieber lese als solche, die mir vom Klimawandel erzählen. Egal bei welchem Wetter.