Man kann über vieles Witze machen in diesem Land. Aber nicht über die Gaudi. Denn sie ist zusammen mit der Gemütlichkeit® wesensimmanenter Bestandteil der inländischen Tourismusindustrie und damit geht es ums Geld. Und da hört sich der Spaß bekanntlich auf. Das kennt man ja auch von woanders: Die geselligsten Medienmacher, boulevardeskesten Busengrapscher und menschenfreundlichsten Parteifeinde werden plötzlich ein wenig unentspannt, wenn man ihnen die Möglichkeit nehmen möchte, Geschäfte mit Steuergeld finanzierten Inseraten zu machen. Jede Branche hat so ihre Humorgrenze.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Und der Tourismus hat gerade mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ständig heißt es: "Es gibt ein Vor und ein Nach der Pandemie."

Nur: Wovon lebt man dazwischen? Daher muss es auch endlich ein "In der Pandemie" geben.

Und ja, es geht. Schauen wir doch nach La Palma: eine Insel mitten im Atlantik. Früher ein spanisches Urlaubsparadies, jetzt ein touristischer Hot Spot. Also so "hot", dass dort ein Vulkan Existenzen zerstört. Lauter echte Latin-Lava! Heißer geht es kaum.

Und während Lavamassen Häuser samt Garten und Kleinwagen in Rauch aufgehen lassen, reisen Menschen genau dorthin. Live bei der Katastrophe dabei sein. Der Vulkankrater als Marktlücke. Das ist der neue Trend für den Urlaub im 21. Jahrhundert. Wenn man den Alkoholismus auf den Balearen nicht mehr bedienen kann, dann schlägt man eben aus Voyeurismus auf den Kanaren Kapital.

Wer auf die Reisewarnungen des Außenministeriums hört, der soll bitte doch Urlaub am Bauernhof machen. Wir wissen, wie der aussterbende Hase läuft: Katstro-
phentourismus.

Einfach ’mal nach Kalifornien und mit dem Helikopter über Waldbrände fliegen. Wer will, kann auch das mitgebrachte Grillgut über den Flammen baumeln lassen, dieses Aroma, wenn die Würsteln nach verbranntem Eigenheim riechen, das kriegst Du nirgendwo sonst! Nicht einmal auf der Rax.

Jetzt schon an die nächste Hochwasserkatastrophe denken: Rein ins Überschwemmungsgebiet und dann Wildwasserrafting. Wer 20 Kilometer lang schwimmenden Kühlschränken, SUVs und Heizungs-Tanks ausweichen kann, bekommt anschließend eine Flasche Wein mit Originalüberschwemmungsschlamm.

Kein Schnee mehr im Winter fürs Skifahren und Snowboarden? Egal, Avalanche-Sliding im Sommer geht noch. Rauf mit dem Board auf die Mure und dann mit der Schlammlawine ab ins Tal. Wer’s überlebt, bekommt einen Werbevertrag mit einem unappetitlichen Getränkekonzern. Endlich den Klimawandel als touristische Herausforderung begreifen. Als Innovationsmotor für neue Sportarten: Unterwasserspaziergänge in Bremen, Tornados jagen im Weinviertel, Wattwandern im Neusiedlersee.

Und all das ist keine graue Theorie, das kann man sofort umsetzen: steigende Infektionszahlen? Dann ab mit dem Après-Ski ins nächste Krankenhaus. Bekommen die Klinikclowns ’mal Urlaub. Hier kommen die echten Narren. Frei nach dem Motto: Bevor Dich die Hüttengaudi auf die Intensivstation bringt, bringst Du die Hüttengaudi auf die Intensivstation. Hey Baby! Nur eins: bitte nicht "Wir haben Ischgl überlebt" singen. Das ist echt nicht lustig.