Sigmund Freud verdanken wir viele kluge Aussagen, auch jenseits der Psychoanalyse. Im ersten Teil von "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" kategorisiert er Sprachwitze aufgrund ihres Bauprinzips. Bei einer Kategorie von Witzen, oder besser gesagt von Sprachspielen, geht es um die "mehrfache Verwendung des gleichen Materials mit einer kleinen Modifikation". Eines der schönsten, weil knappsten Beispiele besteht nur aus zwei Wörtern: "Traduttore - Traditore!" Freuds Kommentar dazu: "Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden Worte ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendigkeit, die den Übersetzer zu seinem Frevler werden lässt."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Inhaltlich geht es um einen alten Disput: Soll der Traduttore, der Übersetzer, möglichst nahe am Original bleiben? Oder darf er sich vom Original entfernen, auch wenn er dadurch zum Traditore, also zum Verräter gegenüber dem Autor wird? Leider funktioniert dieses Wortspiel nur im Italienischen, im Spanischen usw., nicht im Deutschen; schön, dass es Freud popularisiert hat.

Als ich Buchverleger war, vertrat ich dieselbe Meinung: Der Übersetzer wird notwendigerweise zum Frevler, es geht nicht anders. Jeder Originaltext enthält Phrasen und Redewendungen, die nicht in eine andere Sprache übertragen werden können. Daher muss sich der Übersetzer etwas Neues einfallen lassen; der Verrat ist vorprogrammiert.

Wie weit ein Übersetzer gehen kann, und auch darf, zeigt der österreichische Germanist und Koreanist Andreas Schirmer. Er hat ein Alterswerk eines berühmten südkoreanischen Schriftstellers ins Deutsche übertragen. "Vertraute Welt" von Hwang Sok-Yong spielt in den 80er Jahren einer boomenden Entwicklungsdiktatur und handelt vom Preis des Wohlstands. Das Thema ist noch immer von großer Aktualität.

Am Rand der südkoreanischen Metropole Seoul liegt die "Blumeninsel", eine gigantische Müllhalde, Lebensgrundlage und Wohnstätte einer Kolonie von Ausgestoßenen. Unentwegt durchkämmen sie den Abfall der boomenden Stadt nach Verwertbarem. Hier lebt der Held des Romans, der 13-jährige Glupschaug.

Als Wiener merkt man es sofort: Da hat der Übersetzer mit der Sprache gespielt, er wollte verfremden. Glupschaug ist wienerisch, die Leser in Deutschland werden es vermutlich gar nicht bemerken. Auch die in der Übersetzung vorkommende Gelse ist unseren deutschen Nachbarn zuzumuten, das Wort ist lautmalend, eindrucksvoller als Schnake oder Stechmücke. Schirmer verwendet auch abwechselnd veraltete Ausdrücke wie Advokat und moderne wie Snacks und Recycling.

Die Handlung spielt in einer magischen, altkoreanischen Parallelwelt, die an die Romane von Garcia Marquez erinnert. Deshalb hat Schirmer diese Wörter in die Übersetzung eingestreut; er wollte kein Einheitsdeutsch, wollte den Text auch im Deutschen sprachlich schillern lassen. Der in München ansässige Europaverlag ließ den Übersetzer gewähren, er hat sich einen Applaus verdient. Aber was werden die deutschen Rezensenten zu dieser Übersetzung sagen? Sie haben sich nicht daran gestoßen, sondern das lesenswerte Buch positiv beurteilt. Das ist eine gute Nachricht.