Es ist nicht gerade leicht, dieser Tage als Verteidiger von Facebook aufzutreten. Ich tue das, weil mir diese Social Media-Plattform im Kontrast etwa zu Twitter, Instagram oder gar TikTok noch vergleichsweise vernünftig erscheint. Was objektiv zwar lachhaft erscheinen mag - schließlich wimmelt es hier, wie auch andernorts, nur so vor Fake News, Gezänk, Hass, schlechten Witzen und geballten Trivialitäten. Aber mir kommt vor, dass sich aus dem Facebook-Kommunikationsmüll ungebrochen mehr wertvolle Brocken klauben lassen als bei der Konkurrenz. Und die Bilanz in punkto Ökonomie der Aufmerksamkeit insgesamt positiver ausfällt. Das mag damit zu tun haben, dass ich ein Mann des Worts bin - also das Schreiben kurzer Texte Sprach-, Bild- und Video-Botschaften vorziehe. Ganz zu schweigen von Tanzeinlagen! Insofern ist dieses Forum für mich das probateste. Dass Facebook längst als angegraut, unhip und Hort der Oldies gilt, stört wenig. Schließlich bin ich kein Teenager mehr.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Facebook kämpft zur Zeit massiv mit ganz anderen Problemen. Die undurchsichtigen Geschäftspraktiken und Algorithmen des Unternehmens sind offenkundig demokratiegefährdend, suchterzeugend, hassfördernd und manipulativ. Der Online-Gigant sei nur an Gewinn interessiert, erläuterte die Informatikerin Frances Haugen, die von 2018 bis 2021 bei Facebook beschäftigt war - heute ist sie Zeugin der Anklage. Ein wirksames Gegengift sei, so Haugen, die geplante verschärfte EU-Gesetzgebung für digitale Dienste und Märkte. Letztlich müsse personalisierte Werbung verboten werden, der Kern des Geschäftsmodells der Internet-Plattformen.

Gut, bei 150 Milliarden Postings, die allein von den Usern von Facebook Tag für Tag abgesondert werden, verliert man leicht den Überblick. Und die Kontrolle. Da helfen auch keine Heerscharen von Aufpassern - die zudem bis heute die Venus von Willendorf (Symbolname) für eine pornografische Ausgeburt des Teufels halten und im Namen dubioser "Gemeinschaftsstandards" Zensur walten lassen. Dass Mark Zuckerberg aber seit jeher kein Anwalt des Guten, Wahren, Schönen ist, müsste eigentlich längst klar sein. Oder sind wir immer noch so naiv wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als man uns die digitalen Glücksmaschinen in den Alltag setzte wie Plastikspielzeug für Kleinkinder?

Ich kann mit den offenkundigen Nachteilen von Facebook leben. Noch (Stand: November 2021). Man lernt, mit dem ganzen Unbill der klebrigen Kommunikationstools umzugehen - weil die Vorteile überwiegen und es, ja, auch eine gewisse Demokratisierung der Medien mit sich gebracht hat. Dass nun aber Herr Zuckerberg gleich einen neuen Überbau für seine unternehmerische Zukunftsvision (samt neuem Namen "Meta") vorgestellt hat - was manche Experten nur für eine geschickte Ablenkung von den Widrigkeiten der Gegenwart halten -, lässt die Alarmglocken klingeln. Mit dem "Metaversum", einem noch reichlich vagen, aber gewiss größenwahnsinnigen Projekt, hat der Facebook-Begründer nichts weniger im Sinn als die umfassende Monetarisierung jeglicher menschlicher Gefühlsregungen. Ob wir uns das dann auch noch freudvoll zumuten wollen, bleibt abzuwarten.