Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

In unserer Wohnung ist das Bad der Ort, wo wir einander auf die Zehen treten. Putztechnisch ist das von Vorteil: Man wischt weniger Kacheln als in den derzeit meist üblichen Großraumbädern. Unseres wurde in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geplant. Das war jene Zeit, als man auch Einfamilienhäuser mit Kochnischen ausstattete.

In den 70ern ging man offenbar davon aus, dass für den Menschen der Zukunft die Pflege des Körpers möglichst zeit- und raumsparend vonstattengehen sollte. Damals gab es auch Titelseiten von Zeitschriften, die Pillen auf Tellern zeigten, die eines Tages die herkömmliche Ernährung überflüssig machen würden. Diese Sparvision wurde glücklicherweise und im Gegensatz zu unserem Bad nicht realisiert.

Aus unseren Kindern sind Jugendliche geworden. Sie brauchen Raum für sich. Seit zwei Wochen haben alle ihr eigenes Zimmer. Im Bad aber sind wir zu fünft. Wir kämpfen um jeden Quadratzentimeter und rufen wöchentlich Reformen aus. Nur mein Mann ist von den Aufwallungen ausgenommen. Er besitzt und benutzt nur nötige Dinge. Aber schon unser Sohn verfügt über eine nicht feststellbare Anzahl von Deodorants, Zahnbürsten und Gels. Ich vermute, dass er sich an die älteren davon nicht mehr erinnert ... Sie dienen im Moment eher als materialisierte Zeitzeugen.

Doch das Bad erfährt nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich Höchstbelastungen. Unser in die Höhe geschossener Bub nimmt gern ausgiebige Vollbäder und schaut möglicherweise dabei auf seinem Handy Filme (!) an, was er entrüstet zurückweist. Und die beiden Töchter veranstalten im Bad von lauter Musik untermalte Privat-Events von bis zu einer Stunde, die das Vorhandensein zahlreicher Produkte aus dem Drogeriesegment voraussetzen. Mit jedem Vierteljahr, das sie älter werden, besitzen sie mehr Tuben und Tiegel.

Am schlimmsten bin ich aber selber: Über Jahre hatte ich das Privileg gehabt, mich auszubreiten. Ich besitze Dinge, die ich keinesfalls täglich, aber doch hie und da einmal verwende. Und all die Sachen müssen nun weg! Ich muss mich bescheiden, damit ich ein gutes Beispiel abgebe. Zu diesem Zweck werde ich mir ein leicht untermittelgroßes Plastikschaffel kaufen, um den angesichts der drangvollen Lage kaum zu rechtfertigenden Überhang an Dingen außerhalb des Bades zu verstauen.

So sind wir damit beschäftigt, den Modernismus der 70er zu verwalten. Umbauen? Daran haben wir nicht einmal gedacht. Bis der Umbau fertig wäre und alle wieder wüssten, wo die Dinge in der veränderten Wohnung aufhältig seien, wären mein Mann und ich möglicherweise wieder nur zu zweit - und das Bad wäre wieder groß genug.