Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Es gibt ja diese sonderbare Redewendung, die meist im Anschluss an sogenannte Impuls-Referate, aber auch bei zwanglosen Zusammenkünften gestellt wird und lautet: Ich hätte gern mal eine Frage. Meist würde man ebenso gern darauf antworten, wie schön, aber leider habe ich keine für Sie! Nun ist es aber so, dass ich diese Antwort nicht geben kann, weil ich eine ganze Reihe von Fragen habe, die ich gern weitergäbe, für den Fall, dass jemand gern eine Frage hätte. Es sind keine einfachen Fragen, versteht sich, denn wären sie einfach, würde ich wohl selbst die Antwort finden.

Also, falls jemand "gern eine Frage hätte", könnte ich zum Beispiel die folgende abtreten, kostenlos selbstverständlich. Es ist im Übrigen mehr eine Fragestellung, weil sie die Unerklärlichkeit eines komplexen Zusammenhangs von irritierender Unlogik enthält. Um dies zu belegen, muss ich erst einmal den Kontext darstellen, die Kulisse sozusagen, in diesem Falle meist eine italienisch anmutende Espresso-Bar oder auch ein italienisches Lokal.

Da ist es doch so, dass, wenn man einen Espresso bestellt, vonseiten des Gastgebers sozusagen automatisch die Zugabe eines Amarettinos inkludiert ist, der, fraglos, auf dem Kaffeelöffel drapiert wird. Es ist eine Geste des Zuvorkommens, so wie die mit dem Grappa aufs Haus nach einem ausgedehnten Essen, meist nach dem Espresso mit dem Amarettino, der auf der Rechnung erscheint, es sei denn man bestellt keinen und lehnt den Grappa mit Hinweis auf die Unvereinbarkeit von Alkoholgenuss und Heimfahrt ab.

Dann bietet ein gepflegtes Lokal stattdessen gelegentlich einen Espresso an (auch auf Haus). Mit einem Amarettino. In diesem Fall würde sich die Frage erübrigen, die nun also ausgeführt werden soll. Denn sie gilt jenem Fall, dass man einen doppelten Espresso bestellt. Verwunderlicherweise ist es nun so, dass dazu auch nur ein Amarettino serviert wird, selbst wenn dieser doppelte Espresso genau mit dem zweifachen Preis eines einfachen ausgeschrieben wird. Was nun die avisierte Frage aufwirft, die ich gerne in die Runde würfe: Warum gibt es bei doppelten nicht zwei Amarettini? Zumal wenn, was die Unlogik dieses Verfahrens unterstreicht, ich zwei einfache Espressi hintereinander bestelle, die ja dann in summa dasselbe kosten wie ein doppelter, ich zwei erwarten darf.

Ob diese Erwartung tatsächlich erfüllt wird, kann ich nicht beantworten (noch eine Frage), da ich noch nie zwei Espressi in unmittelbarer Folge bestellt habe. Doch das ließe sich immerhin empirisch überprüfen. Sodass ich denen, die gern eine Frage hätten, nicht nur eine Frage bieten kann, sondern dazu ein Projekt, dessen Ergebnisse umso repräsentativer werden, je mehr Leute daran teilnehmen.

Dass es mir dabei allein um die wissenschaftliche Natur der Angelegenheit geht, lässt sich daran ermessen, dass ich mir eigentlich aus Amarettini gar nichts mache und sie oft sogar einfach auf der Untertasse liegen lasse.