Während sich in der echten Welt völlig unvorhersehbare Dramen abspielen (Delta-Variante, vierte Welle, knapp werdende Intensivbetten), also Dinge passieren, die wirklich niemand erahnen konnte (außer Wissenschafter, Statistiker, Virologen und andere Menschen, die in der einen Regierungspartei so viele Fans haben wie die unabhängige Justiz und die neue Bürgermeisterin von Graz), gibt es genau aus diesem Elfenbeinturm der Weltfremdheit ganz herausragende Neuigkeiten zu verkünden. Kurz vor dem Gedenktag des Wiener Stadtheiligen Leopold (für alle Zuagrasten: Leopoldi, 15. November, da haben die G’schroppen schulfrei und dürfen in Kloburg Fasslrutschn) erreicht uns die Nachricht: Es gibt jetzt nicht nur Wiener Schnitzel, Wiener Würstchen, Wiener Walzer oder Wiener Krankheit, sondern auch eine Tierart, die nach der Bundeshauptstadt Wien benannt ist.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Leiwand, aber welches Tier ist das wohl? Eine neugezüchtete Rennpferdrasse? Nein. Ein frisch entdeckte Flughundart aus den Wäldern Indonesiens? Auch nicht. Eine Sumpfschildkröte? Nein, aber es wird wärmer. Eine Kanalratte, die aufgrund unachtsam entsorgter radioaktiver Krankenhausabfälle und dem reichlichen Nahrungsmittelangebot in den Tiefen der Kanalisation vor sich hin mutiert ist und nun Plastiksackerln und Punschkrapferln im Dreivierteltakt frisst? Nein, zu vorhersehbar. Denn die Wahl des Tieres ist so naheliegend wie überraschend.
Es ist: eine Schnecke. Mitrella viennensis, auch "kleine Täubchenschnecke" genannt, diese 15 Millionen Jahre alten Bauchfüßer tragen nun - streng wissenschaftlich - den Namen Wiens. Sozusagen von Haus aus.

Was sagt uns das als Wiener? Ist es eine Kritik oder ein Lob? Sind wir zu langsam? Müssen wir noch mehr Kaffee trinken? Geht das überhaupt noch? Oder ist es eh cool, weil wir es nun endlich wissenschaftlich anerkannt wissen, dass wir uns bei jeglicher Form von Unannehmlichkeit heldenhaft in unser Haus zurückziehen?

Interessanterweise handelt es sich bei diesem Wienerischen Weichtier um eine Meeresschnecke. Wer sich anhand dessen fragt, ob hier die Sehnsucht der Wiener Bevölkerung nach Bibione und Jesolo miteingepreist ist, liegt falsch. Wer auf den Neusiedlersee tippt, schon ein bisschen richtiger. Schließlich ist das "Meer der Wiener" der Rest jenes Urmeeres, dessen Wellen einst an die Gestade des Kahlenbergs klatschten. Kein Wunder also, dass die Wienerische Schnecke aus Westafrika stammt. Die Biologie interessiert sich nicht für Grenzen.

Schwierig ist allerdings das Nahrungsverhalten der wienerischen Täubchenschnecke. Das Tier ist Pflanzenfresser. Und zwar zu 100 Prozent. Eher unwienerisch. So ein bisserl Salat muss man schon zum Schnitzel bestellen. Aber nur? Das Pflanzlichste, das die Wiener Küche kennt, ist die Sachertorte. Dennoch: Ganz neu ist die Verehrung der Schnecke nicht. Heißt doch eins der großen Fußballidole dieses Landes "Schneckerl".

Und das Tier aus dem Erdaltertum weist uns den Weg in die Zukunft. Sollte völlig überraschend - wegen wissenschaftsfreier politischer Rhetorik etwa - es doch zu einem Lockdown kommen, könnte Schneckenzucht ein schönes Hobby werden. Da hat man auch 150 Millionen Jahre später was davon.