Es begann beim ersten Lockdown, jetzt geht es schon wieder los. Da und dort hört oder liest man als Abschiedsformel "Bleiben Sie gesund!" Beim Greißler, im Schuhgeschäft, in der Putzerei wird man so verabschiedet, auch am Ende eines Mails ist die Floskel zu finden. Verlässt jemand eine Gesellschaft, wirft er ein hemdsärmeliges "Bleibts gsund!" in die Runde.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Mir geht das auf die Nerven. Ich weiß schon, die Floskel ist ja nicht wörtlich gemeint, auch "How do you do" ist keine konkrete Frage nach dem persönlichen Befinden, wer wirklich fragen will, sagt "How are you doing?" oder "How are you?". Natürlich kann "Bleiben Sie gesund!" als wohlwollender Imperativ gesehen werden, als Zeichen für Empathie, genau das brauchen wir in dieser schweren Zeit, die durch eine Spaltung der Gesellschaft gekennzeichnet ist, hervorgerufen durch eine Minderheit, die medizinische Erkenntnisse in den Wind schlägt und ein vernunftbasiertes Handeln ablehnt.

Aber was will man mir mit dieser Floskel sagen? Ist das eine Art Handlungsanweisung? Ich bin drei Mal geimpft, trage beim Einkaufen eine FFP2-Maske, habe meine sozialen Kontakte schon längst um zumindest ein Drittel reduziert, was soll ich sonst noch tun, um gesund zu bleiben? Man muss mich nicht dauernd daran erinnern, dass wir gegen eine Pandemie ankämpfen und dass Hunderte in den Intensivstationen liegen. Ich sehe mir ohnedies jeden Tag die Zahlen der Infizierten, Hospitalisierten und Verstorbenen auf der Corona-Website des ORF an.

Hinzu kommt: Wie würde sich ein Mensch mit einer schweren Krankheit fühlen, wenn er aufgefordert wird, "gesund zu bleiben". Etwas überspitzt könnte man die Floskel auch als Glorifizierung des Gesundseins in unserer Hochleistungsgesellschaft interpretieren: Es gehört sich nicht, krank zu sein. Wer krank ist, soll so tun, wie wenn er gesund wäre.

Als ich im Theaterforum Schwechat zum ersten Mal in einem Kabarettprogramm auf der Bühne stand, fragte ich bei steigendem Lampenfieber eine erfahrene Schauspielerin: "Was wünscht man sich zu Beginn der Vorstellung?" - "Toi, toi, toi!", war die Antwort, "und wenn dir jemand toi, toi toi wünscht, sagst du: ,Wird schon schiefgehen!‘"

Auf ähnliche Weise wünschen wir "Hals- und Beinbruch" - nach einer abergläubischen Vorstellung, wonach man das Gute nur herbeischwören
kann, indem man scheinbar das Böse herbeiwünscht. In der Tat kommt die Floskel aus dem Hebräischen, sie lautete ursprünglich hatslokhe un brokhe (= Glück und Segen); wer weiß das schon . . .

Sigmund Freud schrieb an Thomas Mann zu dessen 60. Geburtstag: "Ich bin einer Ihrer ,ältesten‘ Leser und Bewunderer, ich könnte Ihnen ein sehr langes und glückliches Leben wünschen, wie man es bei solchem Anlass zu tun gewohnt ist. Aber ich enthalte mich dessen, Wünschen ist wohlfeil und erscheint mir als Rückfall in die Zeiten, da man an die magische Allmacht der Gedanken glaubte."

So streng würde ich es nicht sehen. Einmal im Jahr halte ich Geburtstagswünsche schon aus; Neujahrswünsche auch.