Ich schaue kaum noch fern. Also: so, wie ich es seit meiner Kindheit gewohnt war. Das lineare Fernsehen - also jenes Freizeitvergnügen, wo man einst auf die Uhr schauen musste, um eine Sendung nicht zu verpassen - ist zu einem Museumsstück im Pantheon vergessener Kulturtechniken des 20. Jahrhunderts geworden.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Zuerst war da der Videorecorder (ich erinnere mich, wie stolz ich einst auf mein erstes selbsterworbenes VHS-Gerät von B&O war), heute kann man solche Antiquitäten zum Schrottpreis auf willhaben.at erstehen. Wenn man möchte. Aber es mag kaum jemand. Streaming hat die Lösung des Mediums TV von der Zeitachse ermöglicht, Netflix, Apple, Disney & Co. beherrschen längst die Wohnzimmer. Und man darf sich froh schätzen, via ORF-TVthek oder die entsprechenden Plattformen der Privatsender jederzeit auf lokale Nachrichten, Inhalte und Kulturereignisse zugreifen zu können. Nur die alten Füchse Fellner haben - ohne hier eine Diskussion über ihre Geschäftsmethoden vom Zaun brechen zu wollen - das Prinzip einer 24 Stunden-rund um die Uhr-Laufbandsendung für ihre schräge Imitation eines News-Channels aufgegriffen. Sprich: Irgendein Eierschädel oder abgehalfterter Politiker darf dort immer irgendwas zu was auch immer sagen, mindestens pseudoaktuell. Ob das Fernsehen im klassischen Sinn ist oder eher nur ein Kasperltheater mit Werbepausen, sei dahingestellt.

Ich schaue also kaum mehr fern. Vorgestern bin ich aber, nach langem wieder, in "Willkommen Österreich" hineingekippt. Stermann und Grissemann haben es immer noch drauf - auch wenn man Ihnen bisweilen die Distanz zur eigenen Routine schon anmerkt. Aber dann folgten sogleich die "Sternstunden" mit Hosea Ratschiller und eine Wiederholung einer Folge der legendären "Sendung ohne Namen", und ich fühlte mich flugs um zwanzig Jahre verjüngt.

Es ist an dieser Stelle festzuhalten, welche Bedeutung FM4 - also der jüngste öffentlich-rechtliche Radiosender - für das TV-Personal des Landes hat. Das fängt bei Mischa Zickler an, der als erster Chef des Senders heute eine Art Ein-Mann-Entwicklungsabteilung der ORF-Unterhaltung ist. Und hört bei den jüngsten, beherzten Doku-Formaten auf ORF 1 noch lange nicht auf. Selbst im Wirtschaftsmagazin "Eco", im Sport oder in der "Zeit im Bild" lachen mir Ex-FM4-Mitarbeiter entgegen.

Weiß die Chefetage der ungebrochen mächtigsten Medienorgel Österreichs, was sie an diesem Entwicklungslabor hat? Und welche Bedeutung der Sender für die jüngere Musik-, Netzkultur- und Journalismusszene des Landes besitzt? Nun werde ich mich aus persönlichen Gründen hüten, Empfehlungen für die FM4-Zukunft abzugeben (die ja in diversen Papieren kommender Küniglberg-Regenten zur Disposition gestellt wird), aber man sollte der erprobten Crew des Senders schon Gehör schenken. Und zwar ernsthaft. Oder nach 30-jährigen Jungrevoluzzern Ausschau halten, die FM5 erfinden. Alles andere wäre eventuell fatal.

Um das Radio braucht man sich keine Sorgen machen. Es ist eine der tragenden Säulen des ORF, wie wir ihn heute kennen. Podcasts und Spotify werden es nicht killen, im Gegenteil. Aber man wird die Kraft und den Saft der Jungen brauchen und ihre Lust auf die Medien von morgen, um das Fernsehen zu retten. Oder das, was von ihm übrig bleibt.