Das hatten sich die beiden Nachwuchsarchäologen wohl anders vorgestellt: Als die Briten Bernard Pyne Grenfell und Arthur Surridge Hunt 1896 nahe der ägyptischen Stadt Bani Masar mit ihren wissenschaftlichen Untersuchungen begannen, stießen sie auf Berge von Müll. Doch schon bald erkannten sie, dass die antiken Bewohner dieses Ortes überaus schreibfreudig gewesen waren und nicht mehr gebrauchte Schriftstücke als Abfall entsorgten. Ein Glücksfall für Papyrologen und Altertumsforscher, geben die Schriftfragmente doch Einblick in das Leben vor 2.000 und mehr Jahren.

Oxyrhynchus, so der antike Name der Stadt, war im Hellenismus ein wichtiges Verwaltungszentrum und lag am sogenannten Josefskanal, einem Nebenarm des Nil. Ihren ausgefallenen Namen "Spitznasen-Stadt" (griech. oxyrhynchon polis) erhielt sie aufgrund einer im Fluss heimischen Fischart, dem Spitznasennilhecht, der den alten Ägyptern heilig war. Im Laufe der Jahrhunderte trockneten die Kanäle allmählich aus, gleichzeitig fiel auch der Grundwasserspiegel. Zudem regnet es in dem Gebiet westlich des Nils so gut wie nie, sodass die antiken Reste von Oxyrhynchos für fast eintausend Jahre ungestört, trocken und vergessen dalagen, bis die Archäologen auf die Stätte aufmerksam wurden.

Die beiden klassisch gebildeten Oxford-Absolventen Grenfell und Hunt waren zunächst in erster Linie an Texten altgriechischer Dichter und Philosophen interessiert - im Jahr 1890 hatte man auf einem altägyptischen Papyrus die aristotelische Beschreibung des athenischen Staates ("Athenaion Politeia") gefunden, die die Kenntnisse der athenischen Demokratie maßgeblich erweiterte und bis heute unverzichtbare Quelle für Althistoriker ist.

Auch Texte der altgriechischen Lyriker und Tragödiendichter standen bei den Forschern hoch im Kurs, Erwartungen, die durch die Funde anfangs aber kaum erfüllt wurden: Auf den meisten der in Oxyrhynchos entsorgten Papyri finden sich Texte, die Politik und Verwaltung sowie kommerzielle und soziale Aktivitäten dokumentieren. Die Mehrzahl ist auf Griechisch, einige Texte sind aber auch auf Ägyptisch, Latein und Arabisch beschrieben, wenige Werke auf Hebräisch und Aramäisch. Im Laufe der Zeit fanden sich schließlich doch noch Fragmente griechischer Dichter und Philosophen sowie bedeutsame Schriften des frühen Christentums.

Um die Texte der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft zugänglich zu machen, publizierten die Ausgräber die Ergebnisse ihrer Forschungen in einer eigenen Schriftenreihe, "The Oxyrhynchus Papyri", die auch nach ihrem Tod weitergeführt wurde und von der bis heute laufend neue Bände herauskommen.