Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Vielleicht war früher doch alles besser. Sogar die Bücherdiebe hatten noch so etwas wie eine Leseehre im Leib und stahlen nur das, was sie ganz dringend lesen wollten. So erzählt der Schauspieler Edgar Selge in seinem viel besprochenen, viel gekauften und möglicherweise auch viel gestohlenen Debütroman ("Hast du uns endlich gefunden"), wie er als Jugendlicher zum Kleinkriminellen wurde. Unter anderem ließ er Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" mitgehen - aber nur, weil ihn dieser Klassiker beim Durchblättern so sehr angesprochen hatte, dass er glaubte, darin unverzichtbare Erkenntnisse für das eigene Ich zu finden. Stehlen als Lebenshilfe sozusagen.

Ob Herr Urban auch stiehlt, um sich lesend seiner selbst gewisser zu werden, wissen wir nicht. Fakt ist: In deutschen Buchhandlungen quer durch die Republik macht seit Jahren ein eigenartiger Bücherdieb von sich reden. Er taucht gerne unter dem Namen "Urban" auf und scheint es zum Geschäftsmodell gemacht zu haben, Bücher zu stehlen und sie andernorts gegen Bargelderstattung wieder umzutauschen.

Dabei geht er durchaus strategisch vor: Er gibt sich buchinteressiert, beschäftigt das Personal mit komplexen Suchanfragen und bestellt unter verschiedenen Decknamen ausgefallene Bildbände, die er dann nie abholt. Er ist Mitte 40, adrett gekleidet und hat meist einen Aktenkoffer oder eine Reisetasche bei sich. Und während die Buchhändlerin ihm wie gewünscht eine Liste sämtlicher Bücher von Dan Brown oder Don Winslow ausdruckt - nur so könne er überprüfen, was davon er schon gelesen habe -, schiebt er sich ein Buch zwischen Mantel und Sakko.

Warum es sich dabei überwiegend um Bücher aus dem Diogenes Verlag handelt, lässt sich nur vermuten. Sie sind handlich, in jeder Buchhandlung zu haben und liegen preislich ein wenig über vergleichbaren Büchern aus anderen Verlagen. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Diogenes mit seiner gediegenen Unterhaltungsliteratur einer der Lieblingsverlage vieler, vor allem kleiner Buchhändler ist. Kein böser Konzernverlag, hoher Wiedererkennungsfaktor, gute Verkaufszahlen - wer wie Herr Urban plötzlich irgendwo in Deutschland an der Kasse steht und ein Diogenes-Buch zurückgeben möchte, weil geschenkt bekommen, schon gelesen, leider ohne Rechnung, der darf auf Wohlwollen hoffen.

Die Geschichte von Herrn Urban ist natürlich skurril, amüsant, und im Grunde selbst ein Fall für die Literatur. Aber das Ganze funktioniert natürlich nur, weil man im Buchhandel offenbar noch immer an das Gute im Menschen glaubt. Frei nach dem Motto: Wo man liest, da lass dich nieder, böse Menschen lesen keine Bücher. Aber auch das muss früher gewesen sein.