Im westeuropäischen Vergleich fällt auf: In den deutschsprachigen Ländern sind weniger Leute gegen Covid geimpft als anderswo. Doppelt Geimpfte in Deutschland: 69 Prozent, Österreich: 65 Prozent, Schweiz: 66 Prozent - im Gegensatz zu Portugal: 86 Prozent oder Frankreich: 78 Prozent.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Da stellt sich zunächst die Frage: Ist die Schweiz wirklich ein deutschsprachiges Land? Nicht nur wegen der franko- und italophonen Kantone, sondern wegen dem, was man in der Schweiz als "Deutsch" bezeichnet. Nur weil es kein Rätoromanisch oder Swahili ist, muss es ja nicht gleich Deutsch sein. Vielleicht ein sprachlicher Code zur Geheimhaltung von Bankkonten?

Die zweite Frage lautet: Woran liegt die germanophone Impfmüdigkeit? An der Geschichte? Weil all diese Länder mal Teil des "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" waren, fühlen sie sich bereits römisch geheilt? Oder liegt es an dem weitverbreiteten Glauben an den "gesunden Menschenverstand"? Der ist ja bekanntlich eine sehr ansteckende Krankheit des Gehirnapparates. Das ist wischensaftlich bewiesen! Oder liegt es am Essen? Macht Roggenbrot blöd? Warum gibt es sonst den Begriff "Dumm wie Brot" im Deutschen? "Stupid like bread" sagt man auf Englisch nicht. Oder liegt es gar an der Sprache selbst? Man betrachte nur das Wort: Impfen. Drei Konsonanten hintereinander: "mpf" - so was spricht man ungern aus. Vaccinate, vacciner, vacunar, vaccinare das klingt alles nach einem sonnigen Sommerabend auf dem Dorfplatz mit einem Achtel Landwein in der Hand. Gut, das Englische eher nach einem Pint. Mit dem Wort "Impfen" dagegen assoziiert man eher den Versuch, an einem regnerischen Novembertag einen vollbesetzten Bus zu besteigen.

Wenn es tatsächlich an der Sprache läge, wäre auch logisch, warum die "Impfpflicht" für manche umso erschreckender wirkt. Da prallen nämlich mit "m-p-f-p-f-l" gleich sechs (!) Konsonanten aufeinander. Noch dazu zwei "pf". Was einen "pfpf" kakophonischen Sound auslöst, der einen akustisch automatisch abstößt. Denn "pfpf" klingt einfach abwertend. Es ist das Gegenteil von Zustimmungsgrunzen, es ist ein Verachtungsschnauben. Ähnlich unbeliebt sind daher auch Topfpflanzen, Kopfpflege, Kampfpferde, Schimpfpflaumen, Stampfpfand, Stumpfpfau, Kopfpflaster, Dampfpfeiffer, Krampfpfarrer, Schrumpfpfote, Pimpfpflanzen, Knopfpfirsich, Stopfpfanne, Zopfpfählung, Zapfpfälzer, Sumpfpfadfinder, Schlumpfpfeil oder Pfropfpfändung, . . . All diese Worte sind unsympathisch und obendrein in Pandemiezeiten gefährlich. Denn man gibt, wenn man sie - und damit das in ihnen innewohnende "pfpf" - ausspricht, extrem pfiele Tröpfchen von pfich. Umso erstaunlicher ist es, dass sich nicht selten Menschen über die Impfpflicht erregen, die man gut gerne als Schimpfpfosten bezeichnen könnte. Mit einer Schrumpfpflaume in ihrer Schopfpflanze.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders und die Vergleichsgröße stimmt nicht. Vielleicht gehört der deutschsprachige Raum einfach gar nicht nach Westeuropa, weshalb man sich besser mit Ländern wie Ungarn (59 Prozent) oder der Ukraine (23 Prozent) vergleichen sollte.

Oder aber - und auch das ist möglich - man pfeift auf diese ganzen Zahlen und lässt sich ganz einfach "a Jauckerl einehaun". Auf gut Deutsch gesagt.