Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Was hat der Mensch nicht alles versucht, um dem Mysterium seiner Natur auf den Grund zu gehen. Hat die Relation von Ring- und Zeigefinger studiert, den Wuchs der Ohrläppchen, Baumzeichen, Blutgruppen, Gestirne, Vererbungslehre und psychologische Zusammenhänge. All das ist freilich läppisch im Vergleich zur Deutungsgewalt von Social Media. In beklemmender Genauigkeit erstellen die Algorithmen Aussagen über das, was eine Person ausmacht, was sie interessiert und herbeisehnt.

Am deutlichsten sichtbar wird dies auf TikTok, jener Kurzvideoplattform, die sich vornehmlich an Teenies und junge Erwachsene richtet. Wer sich ein paar Tage in die Anwendung vertieft, weiß, dass es sich dabei um eine Art Seelenspiegel handelt. Und zwar um einen, der in kürzester Zeit entlarvt und - vor allem - süchtig macht.

Möglich wird das, weil die App fortwährend die Entscheidungen der User abruft und analysiert, sie mit Entscheidungen ähnlicher User abgleicht und daraus Vorhersagen über künftige Entscheidungen trifft. Ein Video dauert 15 bis 30 Sekunden. Wie lang man dranbleibt, ist bereits eine Information, die die Plattform auswertet. Innerhalb von fünf Minuten hat man unwissentlich einen Persönlichkeitstest mit vielleicht 30 Fragen ausgefüllt. Nach kurzer Zeit weiß die App mehr über den Nutzer als ein guter Psychologe nach langer Behandlung, vielleicht mehr als ein guter Freund oder die Partnerin.

Als ich mich vor ein paar Wochen für die App registrierte, war mir noch nicht bewusst, welche Anziehungskraft der Algorithmus entfalten würde. Unter den ersten Videos waren noch viele, die ich wegklickte. Aber rasend schnell verbesserte TikTok seine Zielsicherheit und lernte etwa, dass ich hinschauen muss, wenn Menschen anderen Menschen Streiche spielen und wenn Frauen zur Musik mit dem Hintern wackeln (Twerking heißt das.)

Das ist an sich schon beeindruckend, war für mich aber nichts wirklich Neues. Neu ist allerdings, dass die App offenbar auch Interessen von mir kennt, über die ich selbst noch gar nicht Bescheid wusste! Dass ich mich etwa für Shuffles interessiere, war mir - als altem Tanzschul- und Dancefloor-Phobiker - nicht bewusst. Zum Glück existiert eine Vielzahl an kurzen Video-Tutorials, in denen diese Tanzschritte erklärt werden. Mit etwas Übung ist es möglich, sich wie auf einem Laufband rückwärts zu bewegen!

Seit einigen Tagen bin ich dabei, vor dem Spiegel Anfänger-Shuffles einzustudieren. Ich bin noch nicht wirklich gut darin, habe aber immerhin die ersten Schritte gemeistert. Vollends gelüftet hat sich das Mysterium meines eigenen Seins damit zwar noch nicht. Aber ich bin ja auch erst seit zwei Wochen auf TikTok ...