Zeitenwenden passieren - wie tektonische Verschiebungen - oft lange unmerklich, bis sich etwas, scheinbar plötzlich, in einem Rutsch bewegt und einen Knall, Fall und Donnerhall auslöst, wenn nicht gar Schlimmeres. So geschehen nach zwanzig Jahren der Planung und einbetonierten Meinungsfindung im Fall des Lobautunnels in Wien. So geschehen auch bei der Entscheidung, das Skigebiet in Lackenhof am Ötscher aufzulassen und die Liftanlagen rückzubauen.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Seltsamerweise hat letztere Mitteilung bei mir mehr Gefühle ausgelöst als die politisch und ökonomisch weit gewichtigere Festschreibung des Verzichts auf die Lobau-Untertunnelung. In Lackenhof und Annaberg habe ich einst Skifahren gelernt, in den frühen siebziger Jahren, die heute unendlich weit entfernt scheinen. Die kleinen Orte mit ihren schnuckeligen Pisten waren von der Großstadt aus in überschaubarer Zeit mit dem Bus zu erreichen. Und sie besaßen nicht die exotische Schroffheit weiter entfernter alpiner Ziele. Freilich war auch ihre Schneesicherheit deutlich geringer, selbst in strengen Wintern. Ein Faktor, der der Skiregion Lackenhof wahrscheinlich den Garaus gemacht hat - zumal in Zeiten des Klimawandels. Dass man im 21. Jahrhundert kleine lokale Sportanlagen aber nicht mehr kostendeckend betreiben kann, erscheint mir widersinnig. Wenn, wann nicht jetzt? Unter dem zunehmenden Zwang ökologischer Faktoren? "Small But Smart" müsste doch eine zukunftsträchtige Alternative zum Massentourismus und "Kitzloch"-Syndrom sein. Aber, gewiss, ich bin weder Fachmann für Straßen- und Tunnelbau noch für Wintertourismus. Insofern bleibt mir in beiden Fällen nur ein Achselzucken. Die Strahlkraft beider Entscheidungen ist groß - und ihren Symbolwert haben konservative Politiker wohl grob unterschätzt. Zeitenwende.

Ich bin auch kein Fachmann für Skierzeugung. Aber der Entschluss von Marcel Hirscher, eine eigene Marke ("Van Deer") aus der Taufe zu heben und Unternehmer zu werden, hat mich ebenfalls verblüfft. Mutig, mutig! Denn was soll ein Ski aus der Manufaktur Hirscher (oder gibt er nur seinen Namen dafür her?) denn anders und besser können als jeder andere gut gefertigte Ski? "Meine DNA steckt da drin", vermeldete der ehemalige Spitzenrennläufer. Also: Gentechnik! Und gewiss ist Hirscher ein Tüftler, was das Material betrifft. Aber auch das beste Holz, Plastik, Aluminium, Titan, whatever macht aus distinktionswütigen Oligarchen - das erscheint mir die Van-Deer-Zielgruppe zu sein - noch keine Weltcup-Teilnehmer. Oder gar -Sieger. Nicht einmal Skiprofis, die anstandslos eine schwarze Piste hinabwedeln. Und wenn die Lifte stillstehen, ist sowieso keine Bergfahrt auf den Gipfel des Erfolgs mehr möglich. Oder auch nur die Untertunnelung des widerständigen Zeitgeists.

Dennoch wünsche ich Marcel Hirscher und seinem Team Fortüne und Durchhaltekraft! Denn die Rückkehr zur Normalität unseres (Luxus-)Lebens im Kleinen und Großen ist es, was sich viele von uns gerade sehnlichst wünschen. Ob es nochmal dazu kommt, daran hege ich zunehmend Zweifel.