Gestern hatten die Hühner wieder Ausgang. Bei Sonne lasse ich sie auch im Winter gern aus dem Stall. Eigentlich blieben sie lieber drin, denn sie mögen Schnee nicht. Sie können es nicht leiden, wenn sie bis zum Bauch einsinken oder ausrutschen. Doch wenn ich ein paar Sonnenblumenkerne für sie abzweige, überwinden sie ihre Abneigung und kommen dennoch heraus. Ich behandle meine Tiere ein bisschen wie meine Kinder. Als Mutter weiß ich, was gut für sie ist. Also müssen Tiere wie vormals die Kinder in die frische Luft ... Ich versuche aber, meine Impulse zu kontrollieren: Bisher habe ich weder Hennen noch Katzen gebadet!

Hühner produzieren wie Menschen Vitamin D, wenn sie dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Da das Huhn, außer in Zeiten der Mauser, dick mit Federn eingepackt ist, schließe ich, dass es offenbar genügt, wenn der Kamm und die Beine beleuchtet werden. In der Schweiz haben Wissenschafter schon vor einer Weile herausgefunden, dass das Huhn nicht nur Vitamin D für sich selber und sein Wohlbefinden produziert, sondern auch seine Eier mit mehr Vitamin D anreichert, wenn es der Sonne ausreichend lange und oft ins Auge blicken darf. Natürlich hat man im wissenschaftlichen Versuch eine Art Höhensonne verwendet und gleich eine zeitliche Begrenzung festgestellt: Sechs Stunden Sonne sind die Grenze. Mehr als sechs Stunden bringen nicht mehr Vitamin D ins Ei.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man dereinst noch herausfindet, die Sonne selbst erzeuge ein bekömmlicheres Vitamin D als die Höhensonne. Mir würde das durchaus einleuchten, denn die Natur verfügt über eine Art Weisheit, die wir Menschen im besten Fall nachahmen können. Deswegen bin ich auch froh, dass man die Sechs-Stunden-UV-Licht-Grenze gleich noch bemerkt hat. Der Mensch neigt dazu, über das Ziel hinauszuschießen; womöglich erlebte kein Huhn mehr Dunkelheit, wenn immer mehr Licht noch mehr Vitamin D bringen würde. Immerhin haben wir auch Hühner gezüchtet, denen weniger Federn wachsen, damit sie nicht so langwierig gerupft werden müssen.

Hühner mögen zwar Schnee nicht, aber den Winter mit den langen Nächten finden sie, habe ich den Eindruck, gar nicht so übel. Sie legen weniger Eier und sitzen schon früh in der Dämmerung auf den Stangen herum. Sie ruhen sich aus, sammeln Kräfte für den Frühling. Sie tun damit das, was wir früher auch getan haben, bevor wir uns einbildeten, dass nicht nur das Büroleben weitergehen muss, sondern auch auf den Baustellen durchgearbeitet zu werden hat, egal wie kalt es draußen ist.

Ich bin da eher auf der Seite der Hühner. Winter ist Winter, Dunkelheit ist Dunkelheit. Ich würde im Winter auch gern länger schlafen.