Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

Ein paar Wochen vor Weihnachten spaziert das Kind mit einem Freund von der Volksschule nach Hause. Es glaubt noch an Wunder, sein Freund nicht mehr so sehr. Er sagt: "Das Christkind gibt es gar nicht, die Geschenke legen die Eltern unter den Weihnachtsbaum und den Baum kaufen die Eltern beim Bau(m)markt. Weihnachtskugeln und Lametta gibt es auch im Geschäft!"

Das Kind muss lachen über diese abstruse Behauptung. Gleichzeitig reift in ihm eine Erkenntnis. Es hat Beobachtungen gemacht, die sich wie Puzzleteile zusammenfügen, und vielleicht ist das jetzt das letzte Puzzleteil, das noch gefehlt hat. Das Kind überlegt, dass mit winziger Wahrscheinlichkeit wahr sein könnte, was sein Freund sagt, aber vermutlich doch nicht, denn wenn es stimmt, kollabiert das ganze System. Dann passt nichts mehr in der Welt zusammen. Und überhaupt: Eltern lügen nicht!

Die Eltern retten sich in einen Kompromiss, reden sich mit Hilfsdiensten für das Christkind heraus: "Du weißt ja, es kann nicht überall sein ..." Nein, das wusste das Kind nicht, bisher konnte das Christkind überall gleichzeitig sein, das ist ja das Spezielle an ihm. Das Kind kommt sich dumm vor und hat nun gleich mehrere Verluste zu beklagen. Na gut, der seltsame Osterhase war nie wirklich ernstzunehmen und der weißhaarige alte Nikolaus ist zwar würdevoll, aber bei Weitem nicht so zauberhaft wie das Christkind. Dieses engelsgleiche scheue Wesen, das kaum jemand zu Gesicht bekommt, ist immerhin ein Kind, das Kindern Geschenke bringt, und irgendwie geht es dabei auch um Kindersolidarität.

Das Kind will und kann seinen Glauben nicht einfach so fallen lassen. Es steckt den Kopf mit Mitschülerinnen zusammen, die noch ans geschenkebringende Christkind glauben. In den Echokammern der Kinderzimmer trifft man sich zur Rettung des Wundersamen. Zu den konspirativen Sitzungen werden weder Faktencheckerinnen noch Realos zugelassen. Die Filterblase funktioniert, bei einigen Mitgliedern gibt es sogar glaubhaft vermittelte Engelssichtungen. Auch am Heiligen Abend fügt sich alles wunderbar. Es läutet das Glöckchen in der Stube, obwohl alle Familienmitglieder am Küchentisch versammelt sind. Und der Christbaum ist in strahlendem Glanz erhellt, obwohl der Vater nicht in der Stube war, sondern im Keller, um noch Getränke zu holen. Das Kind packt glücklich seine Geschenke aus. Lauter schöne Sachen hat es bekommen, bis auf das Kleid, das eine Enttäuschung ist.

"Wir können es umtauschen, wenn es dir nicht gefällt", sagte meine Mutter damals. Und ich fühlte so etwas wie Erleichterung und nahm von da an Abschied von meinen kindlichen Idyllen. Die Aufklärung hatte ja auch etwas Gutes: Es war doch besser, mit kompromissbereiten, verständnisvollen Eltern verhandeln zu können, als auf ein unerreichbares, weitgehend anonymes Zauberwesen angewiesen zu sein. Das Magische am Weihnachtsfest hat sich trotzdem nie ganz verflüchtigt.