Der Maschinenraum (nein, eher: die Kommandobrücke), wo ich gerade Platz genommen habe, ist von moderner, fast schon futuristischer Bauart. In meinem Blickfeld befinden sich zwei Bildschirme und unzählige leuchtende Anzeigen, kurioserweise trifft der altertümliche Begriff "Armaturenbrett" die geradlinige Design-Sprache des Ambientes ganz gut. Immerhin gibt es noch herkömmliches, lederbezogenes Gestühl und ein Lenkrad, das diesen Namen verdient. Ich sitze in einem Hyundai Ioniq 5 Top Line, der Farbton Gravity Gold Matte unterstreicht den unterkühlten, sehr technischen Auftritt. Und ob der schieren Größe des Wagens, der daraus resultierenden Bewegungsfreiheit für die Passagiere und der generell machtvollen Präsenz des Hyundai stellt sich rasch ein Gefühl satter Zufriedenheit ein.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Setze ich mich aber einmal in Bewegung, verfliegt es rasch wieder. Das hat nicht mit den objektiven Qualitäten des Autos zu tun, sondern mit diversen Insignien der Fortschrittlichkeit. Einige davon sind einem zunehmend dringlichen, immer dominanterem Imperativ der Sicherheit geschuldet - das beginnt bekanntermaßen beim Warnton, der innerhalb von Sekunden ertönt, wenn man sich nicht sofort anschnallt. Was ja noch durchaus verständlich ist. Warum mich der Ioniq 5 aber wie ein unmündiges Kind behandelt, dem man dauernd "Bitte das Lenkrad nicht loslassen!" sagen oder das man mit sanftem Druck auf den rechten Weg zurückführen muss, erschließt sich mir nicht. Das Fahrzeug scheint selbst fahren zu wollen (und kann es eventuell auch), man ist aber dann doch immer wieder irritiert, wenn die Spurhaltesysteme jede noch so kleine Abweichung von der Ideallinie mit einem roboterhaften Griff ins Lenkrad korrigieren. Gelegentlich kommt es mir vor, als wäre ein Kampf Mensch versus Maschine im Gange. Es soll Leute geben, die verzweifelt versuchen, die Systeme abzuschalten und wieder - im wahrsten Sinne des Wortes - selbst das Steuer zu übernehmen.

Generell taucht die Frage auf, ob die Konstrukteure von heutigen Automobilen (wie prototypisch dem Hyundai) noch alle Tassen im Schrank haben. Das Head-up-Display des Ioniq etwa spielt alle Stücke, beamt aber eine derartige Fülle von Informationen auf die Frontscheibe, dass ich kaum mehr zwischen Realität und Projektion unterscheiden kann. Das mag für einen Düsenjägerpiloten im Kampfeinsatz überlebensnotwendig sein, aber ich habe eventuell nur einen friedlichen Weihnachtsbesuch bei meiner Mutter vor. Die Cockpit-Bildschirme des Hyundai ließen sich immerhin als Festtagsbeleuchtung nützen: Ich habe knapp zwei Dutzend Informationen gezählt, die ich im Auge behalten sollte. Dass das Ganze grafisch wie ein Computerspiel aufbereitet ist, macht es nicht einfacher. Im Gegenteil.

Der Mensch als denkendes, lenkendes Wesen wird, so scheint es, zudem immer mehr zur Ausschussware. Er schafft sich selbst ab. Schöne neue Welt? Nun: Solange sowohl die Sitze des Hyundai Ioniq als auch die Heckklappe elektrisch betätigt werden können, obsiegt die träge Bequemlichkeit der Luxus-Käuferschar. Dass sie damit auch die Reichweite des Elektroautos mindert: geschenkt.