Weihnachten ist anscheinend wirklich das Fest der Nächstenliebe. Da wird zumindest in Österreich für drei Tage Weltfrieden herrschen. Da sind vorübergehend wieder alle Menschen gleich. Die Geimpften, die Genesenen und die Ungeimpften. Ab dem 27. Dezember sind dann freilich nicht einmal mehr die Geimpften gleich. Die Geboosterten sind halt geimpfter. Jippie! Und welche Privilegien hab ich jetzt? Aha, ich darf größere Veranstaltungen besuchen als die, die nur zwei Dosen intus haben. (Bierdosen? Nein.) Veranstaltungen mit bis zu 2000 Personen nämlich. Dabei will ich überhaupt nicht mit 1999 wildfremden Leuten in einem Raum sitzen. (Omikron und so.) Selbst wenn alle zusätzlich getestet sind und Maske tragen. Warum hab ich mich wohl dreimal impfen lassen? Aber egal. Zuerst kommt einmal Weihnachten. Ein Mal, wohlgemerkt.

Wobei: Mitreden kann ich da eigentlich eh nicht. Das hab ich irgendwie verlernt. Reden? Falsch. Weihnachten! (Wenn man die Kerzen vom Adventkranz ausbläst, darf man sich was wünschen, oder?) Platz für einen Baum hab ich sowieso keinen. Ist meine Wohnung ein Wald? Und warum sollte ich den Geburtstag von jemand anderem feiern, mit dem ich nicht einmal auf Facebook befreundet bin? Der Heinz und ich werden am 24. jedenfalls nix Spezielles machen. Außerdem sind wir fest davon überzeugt, dass der Heilige Abend schon am 16. Dezember stattgefunden hat. Denn an dem Tag hat der Heinz die restlichen Türchen von seinem Adventkalender geöffnet, inklusive dem 24. (und hat damit die Zeit um ganze acht Tage vorgestellt), weil er nichts Süßes mehr daheim gehabt hat. Das wissen die andern allerdings nicht. Für die kommt weiterhin am 24. das Christkind.

Ungeimpfte haben also keine Ausrede mehr, familiären Weihnachtszusammenkünften fernzubleiben. Besonders weil sie ihren privaten Wohnbereich am 24., 25. und 26. eigens zu diesem Zweck verlassen dürfen. Wegen der temporären Weihnachtsamnestie. Weil der Gesundheitsminister sie mit der 2. Novelle zur 6. Covid-19-Schutzmaßnahmenverordnung für diese drei Tage begnadigt und ihren Lockdown ausgesetzt hat. (Und für einen vierten Tag: Silvester.) Doch wahrscheinlich hätten sie auch sonst keine gehabt, keine Ausrede. Zur "Erfüllung familiärer Pflichten" hätten sie ohnehin jederzeit raus dürfen. Und unter "Ausnahmen" findet sich der Passus: "Diese Verordnung gilt nicht (. . .) für Zusammenkünfte zur Religionsausübung." Und zu Weihnachten wird immerhin der Geburt eines sehr bekannten religiösen Führers gedacht. (Des Weihnachtsmanns?) Um Weihnachten können sich demnach sogar Ungeimpfte schwer herumdrücken. Höchstens wenn sie sich darauf berufen, dass Menschenansammlungen zu meiden sind. (Steht in irgendeiner Verordnung, dass eine Familie keine Menschenansammlung ist?)

Und Silvester? Dürfen sie wieder mit neun weiteren Personen verbringen. Den 31. Dezember wenigstens. Der 1. Jänner wird nicht erwähnt. Heißt das, sie müssen vor Mitternacht heim, weil sie sich um Punkt zwölf wieder in ein Aschenputtel verwandeln? Na ja, die Geimpften werden’s nicht viel lustiger haben. 22 Uhr Sperrstunde! Ach, müssen sie eben um 21.00 Uhr Aserbaidschan zuprosten. Und um 21.30 Uhr rutscht der Iran ins Jahr 2022. Aber zunächst einmal: Verordnete Weihnachten!