Es lässt sich trefflich über einen Film wie "Don’t Look Up" streiten - als Spiegel unserer Zeit taugt er allemal. Dass diese bitterböse Hollywood-Komödie zwar auch vereinzelt in Kinos angelaufen ist, von einem Großteil des weltweiten Publikums aber auf Netflix geschaut wird, sagt ja auch etwas über den Status quo des Mediums TV. Und unseren Medienkonsum generell. Apropos Fernsehen: Das kommt ebenfalls nicht gut weg in "Don’t Look Up". Und zwar ganz und gar nicht. Es ist die lustvoll schmerzhafte (Selbst-)Diagnose eines Mediums des 20. Jahrhunderts in seiner degenerativen Spätphase. Die Konkurrenz lauert bereits, bislang nur schemenhaft erkennbar, am Horizont. Und möglicherweise findet sich in einem der gerade so populären Streaming-TV-Kanälen ein alter Science-Fiction-Streifen, der die Grundidee der Zukunft verdeutlicht: die Ablösung der Wirklichkeit durch eine alternative Realität.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Bislang reißen wir über die "Metaversum"-Visionen zum Beispiel eines Mark Zuckerberg noch Witze. Es ist freilich absolut denkmöglich (um nicht zu sagen: hochgradig wahrscheinlich), dass der Meta-Mogul und seine Kollegen Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos, Larry Page, Sergej Brin oder Tim Cook - die allesamt als Vorlage für die Figur des Über-CEOs Peter Isherwell in "Don’t Look Up" herhalten könnten - die Bibliothek bizarrer Ideen und Menschheitsträume gewissenhaft studiert haben. Ob ihre Bilanz ausschließlich die von Geschäftsleuten ist?

In der Film-Satire entscheidet sich die Elite des Planeten ob der bevorstehenden Apokalypse zur Flucht ins All (nur um dann an ihrem Zielort von bunten Echsenwesen verspeist zu werden). Sorry, da mögen gerade noch so viele PR-getriebene Raketen starten: Leider geht sich das aktuell nicht ganz aus. Auch anno 2022 nicht. Und in 20, 30 Jahren ebenfalls nicht (darüber hinaus versagt jede seriöse Prognostik). Um den gewiss nicht denkfaulen alten Griesgram Stanislaw Lem zu zitieren: "Die Welt hat im Moment weder Kopf noch Mittel, um sich zu retten."

Fast alle Vordenker der Science Fiction erzählen uns aber von der Flucht in alternative Wirklichkeiten. Sei es durch Drogen oder Technologie (auch eine Kombination ist nicht unwahrscheinlich). Sie halten das für höheren Unsinn? Glaubt man Aufzeichnungen des US-Bureau of Labour Statistics, verbrachten erwachsene Amerikaner schon vor der Covid-Pandemie 6,5 Stunden täglich im World Wide Web. Auf Gaming-Plattformen oder Social Media. Etwa ein Drittel dieser Spanne nutzten sie zur Interaktion mit anderen. Zieht man nun die Zeit für Schlaf, Essen, Körperpflege und Ähnliches ab, wird eine Transition deutlich, die die Welt, wie wir sie heute kennen, auf den Kopf stellt. Und möglicherweise erleben wir ihren Untergang in einer Art finalem Entertainment-Dämmerschlaf.

Keine schöneren Aussichten zum Jahreswechsel? Mein Tipp: Erwerben Sie Aktien des Sportartikel-Herstellers Nike. Der beginnt gerade, Kleidung und Schuhe für unser neues digitales Zweit-Ich herzustellen. Sein Sub-Label RTFKT (ausgesprochen "Artefakt") hat neulich erst 600 Paar Sneakers in 7 Minuten für 3,1 Millionen Dollar verkauft. Man kommt damit zwar real nirgendwo hin. Aber man ist zukunftstechnisch schneller dort.