Schaut sich aktuell durch historische Konzertfilme: Gerald Schmickl.

Schaut sich aktuell durch historische Konzertfilme: Gerald Schmickl.

All jenen, die sich in unseren Breiten zurzeit in einer Diktatur wähnen, seien die Aussagen und Berichtete geflüchteter Nordkoreaner empfohlen, wie sie in den letzten Tagen des alten Jahres bekannt wurden. Dort reichte unter der gegenwärtigen Herrschaft von Kim Jong Un angeblich schon das Schauen von Popvideos aus, um zum Tode verurteilt zu werden. Wer beim Betrachten südkoreanischer (K-)Pop-Produktionen erwischt wurde, dem erfolgreichsten Jugend-Export des verhassten Nachbarlandes und Bruderstaats, dem drohte die Exekution.

Nun mag in unseren Ländern die eine oder andere Freiheit vorübergehend eingeschränkt sein, aber für den Konsum von Popvideos wurde bisher noch niemand belangt - oder gar mit dem Tod bedroht. Und zum Glück behauptet das auch niemand. Daher kann man sich gefahrlos reinziehen, was das Netz diesbezüglich so hergibt. Es muss ja nicht unbedingt K-Pop sein. Man kann zum Beispiel alte Folgen von "Rockpalast" anschauen. Das war (und ist seit 1995 wieder) eine Reihe des WDR, die vor allem in den späten 70er Jahren mit stundenlangen Mitschnitten von Live-Konzerten europaweit für Furore sorgte.

Da die Übertragungen in Radio und TV liefen, gab es einen Stereoeffekt, obwohl TV-Geräte damals nur Mono-Sound lieferten. So etwa bei der allerersten "Rockpalast-Nacht" im Juli 1977 aus der Essener Grugahalle, wo Rory Gallagher, Little Feat und Roger McGuinns Thunderbyrd auftraten. Dieser Event ist leider nicht in der ARD-Mediathek verfügbar, die eine Vielzahl einstiger Konzerte bereihält. Es gibt allerdings eine Aufzeichnung des Konzerts auf DVD. Ebenso wie den Gig des Briten Joe Jackson 1983 am selben Ort, als der Sänger und Pianist die Bühne mit dem unvergesslichen Satz betrat: "Never seen so much drunken Germans."

In der Mediathek verfügbar sind u.a. Mitschnitte einiger legendärer Konzerte von Altvorderen, wie etwa von Dire Straits (1979 in Köln) oder The Police, mit dem noch erstaunlich agilen und flotten Sting am Bass (1980 in der Hamburger Markthalle). Oder von der bis heute aktiven Hard-Rock-Formation UFO, die ebenfalls im Jahre 1980 in der Westfalenhalle in Dortmund landete.

In Zeiten, in denen Live-Konzerte aus sattsam bekannten Gründen keine Option sind, kann man sich zumindest auf diese Weise in vergangene Gegenwarten beamen. Obwohl an sich ein Fan zeitgenössischen Pop-Geschehens, sind mir historische Konzert-Filme lieber, denn durch die zeitliche Differenz fällt der Schmerz über die Absenz heutiger Live-Events gedämpfter aus, wie ich finde. Außerdem ist der Blick zurück oft nicht nur eine nostalgische Zeitreise, sondern auch eine unterhaltsame Lehrstunde in Rock-Historie.

Die hat sich zu einem ehrenwerten, vor allem medialen Fach gemausert, um das sich in Österreich etwa Wolfgang Kos ("Pop-Museum") oder der Journalist Thomas Mießgang verdient gemacht haben. In Deutschland ist mir Franz Schöler am liebsten, der seit vielen Jahren hauptsächlich in der deutschen Ausgabe des Magazins "Rolling Stone" Geschichten von rockhistorischen Ereignissen und Alben auf so uneitle wie kundige Weise erzählt. Eine absolut aktuelle Empfehlung.