Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Als ich bei der vorweihnachtlichen Zeitungslektüre herzhaft in einen dick schokolierten Lebkuchen beißen wollte, blieb mir der fast im Halse stecken: Kakao, so musste ich da lesen, sei nicht nur schuld an Kinderarbeit und Umweltzerstörung in den Anbaugebieten, sondern weise auch einen besonders hohen CO2-Abdruck auf. Er gehöre damit zu den "umstrittenen pflanzlichen Rohstoffen", genauso wie der Kaffee, was mir den Morgen am Frühstückstisch endgültig versaute. Oje, dachte ich, wo soll das alles enden, wenn ich, noch bevor ich einen Schritt nach draußen tue, den Planeten schon wieder ein kleines Stück in Richtung Abgrund geschoben habe?

Doch Rettung naht, und zwar in Gestalt kakaoloser Schokolade. Heuer sollen die ersten Produkte auf den Markt kommen und damit dem Siegeszug nachhaltig produzierter Lebensmittel einen weiteren Triumph hinzufügen. Ersatz ist das neue Echt, könnte man sagen. Ersatz, das klang einst nach minderer Qualität, nach billiger Behelfslösung à la Malzkaffee. Heute dagegen suggeriert der Begriff das Gute, das aus dem Falschen das einzig Wahre macht. Käse, der nicht aus Milch hergestellt wird, Wurst, die ohne Tiere auskommt, Milch, für die keine Kuh mehr herhalten muss - das ist die schöne neue Welt der Nahrungsmittel. Komisch nur, dass wir die böse alte Welt dabei nicht so recht loswerden. Denn das Tofuwürstchen sieht nicht nur aus wie der Onkel aus Fleisch, sondern soll natürlich auch so schmecken. Veganer Käse wirkt so bleich wie der echte. Und Schoko ohne Kakao, so das Versprechen, wird im Mund so toll dahinschmelzen, dass man den Unterschied quasi nicht bemerkt.

Nachhaltigkeit heißt das neue Zauberwort, und ich frage mich, warum Lebensmittel nicht schon längst mit einer Art CO2-Ampel versehen sind. Dann ließe sich mit einem Blick erkennen, ob ich mit dem Fußabdruck meines Mittagsmahls die Welt rette oder ins Verderben stürze. Essen, das ist heute vor allem Lifestyle, und wenn ich mich anstrenge, dann wird dieser Lebensstil hoffentlich das, was in Bioläden "enkeltauglich" heißt.

Wobei ich, ehrlich gesagt, glaube, dass all die Veggieburger und Sojaschnitzel genauso eine Mogelpackung sind wie die Plug-in-Hybride bei den Autos. Klingt gut, aber bei näherer Betrachtung ist der Beitrag zur Planetenrettung erschreckend klein. Aber darum geht es ja nicht, sondern ums gute Gefühl, das den Konsumenten bei Kauflaune hält. Und so nage ich weiter mit schlechtem Ökogewissen an meinen Schokolebkuchen. Und hoffe, dass 2022 nicht nur Corona vorbei ist, sondern endlich auch der schlimme Kakao seinen Ersatzstoff gefunden hat. Ob der dann schmeckt? Ganz falsche Frage ...