Es gibt Meldungen, die kommen in schöner Regelmäßigkeit rund um den Jahreswechsel: Was ist das Wort des Jahres? Wie war der Umsatz der Christbaumhändler? Was tun gegen Kater und Kopfweh? Was ist die wahre Geschichte der Heiligen Drei Könige?

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Wenn man so was liest, weiß man (falls man das nicht vorher schon wusste): Ah ja, Jahreswechsel steht an. Und damit selbstverständlich auch Statistiken über das vergangene Kalenderjahr.

Die Österreichischen Bundesbahnen etwa veröffentlichen jedes Jahr eine Aufstellung, was alles in den Zügen zwischen Bregenz und Neusiedl liegen geblieben ist.

Und diese Informationen lassen Fragen aufkommen, stellen Bilder ins Hirnkastl. Wenn 5.200 Koffer, Taschen und Rucksäcke im Zug liegen gelassen wurden, wie lange - fragt man sich unwillkürlich - hat es durchschnittlich gedauert, bis der oder die (ehemalige) Besitzer/in deren Nichtvorhandensein bemerkt hat? Oder anders gefragt: Wie lange ist der durchschnittliche Zeitraum zwischen dem "Einsteigen bitte!" vom Schaffner und dem "Neiiiiiin! Scheiiiiißeeeeee!" vom vergesslichen Fahrgast?

Wenn andererseits 2.800 Mal ehrliche Finder Geld, Bankkarten und Wertpapiere im Fundbüro abgegeben haben, wie oft sind unehrliche Einstecker mit Wertsachen nach Hause gegangen? Interessante Frage: Wie ist das Mengenverhältnis zwischen Abgebern und Mitnehmern? Man könnte sein gesamtes Bild der Menschheit, zumindest der Österreichheit, daran ausrichten. Ist der Mensch dem Menschen wirklich ein Wolf? Oder doch ein Hunderl, das einem brav das verlorene Stockerl zurückbringt?

Apropos Stock: Noch viel größere Fragen werfen die zwölf Gehhilfen und 13 Stöcke auf, die liegen gelassen wurden. Waren das Ereignisse von biblischen Ausmaßen, bei denen Lahme plötzlich wieder gehen können? Oder haben die betreffenden Personen statt einer unpersönlichen Gehhilfe nun einen privaten Geh-Gehilfen?

Und was ist mit den elf Kindern passiert, deren Kinderwägen im Zug zurückgelassen wurden? Plötzlich erwachsen geworden? Oder haben die Eltern sie geschnappt und gesagt: "Und Du Schatzi, Du kriegst einen neuen Kinderwagen!", weil sie zufällig gerade eine prall gefüllte Brieftasche gefunden haben, von deren Existenz das Fundbüro der Bahn bis heute nichts weiß?

Und jene Person, die die Zahnprothese verloren hat, hat die sich womöglich später telefonisch gemeldet, aber es hat sie keiner verstanden?

Und was machen jene Musiker heute beruflich, die ihre 37 Gitarren, 16 Trompeten und Klarinetten, 13 Geigen und die eine elektrische Orgel im Zug haben liegen lassen? Denken die sich jetzt: "Hätte ich nur Harfe, Kontrabass oder Klavier gelernt, dann wär mir das nie passiert!"? Vielleicht.

Andererseits: Wer eine elektrische Orgel vergisst, der lässt auch ein Alphorn liegen. Mit Sicherheit hat eine Reise mit der Bahn den einen oder die andere das eigene Mobilitätsverhalten überdenken lassen.

Wenn 74 Mal Führerscheine liegen gelassen wurden, ist das nicht ein Zeichen für die Zukunft? Klimaticket gekauft und dann im Zug den Fetzen absichtlich liegen lassen? Die ganz persönliche Verkehrswende? Das lässt doch hoffen.

Zumindest mehr als das Unwort das Jahres.

Das hab ich nämlich... vergessen.