Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Zu den schönsten Momenten meiner Adoleszenz gehörte das Spielen von "Age of Empires II". In unregelmäßigen Abständen trafen einander ein paar Freunde im Seminarraum einer Computerfirma, die zwei Kollegen gegründet hatten. Dort spielten wir im lokalen Netzwerk vom späten Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden, nur unterbrochen von kurzen Pizza-Pausen. Erst, wenn es gar nicht mehr ging, weil die Augen nur noch tränten und sich die Bilder kleiner, pixeliger berittener Bogenschützen in die Netzhaut gebrannt hatten, radelten wir heim.

Age of Empires gehört zur Kategorie der Aufbauspiele. Der Spieler bzw. die Spielerin ermöglicht dem eigenen Volk den kulturellen Aufstieg von den primitiven Anfängen bis in die Neuzeit. Aus einer wachstumskritischen Weltsicht zeichnet sich das Spiel vor allem durch eines aus: die rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen - ohne jedes Mitdenken einer Kreislaufwirtschaft oder das Schaffen einer langfristigen Zukunftsperspektive. Der Fortbestand der Zivilisation wird durch militärische Expansion und die weitere Erschließung von Rohstoffquellen ermöglicht. Dabei lassen die Völker ganze Landstriche verwüstet zurück.

In der Systematik des Spiels ergibt das durchaus Sinn. Stehen irgendwann Sieger und Verlierer fest, endet die Partie. Die nächste Runde beginnt bei null und mit - magischerweise - frischen natürlichen Ressourcen. Um jetzt die Brücke in die reale Welt zu schlagen: Mitunter könnte man meinen, die Art, wie wir unserem Lebensstil frönen, beruhe auf dem Gedanken, wir könnten mit einem Trick oder Kniff einfach wieder bei null beginnen - mit frischen Ressourcen in einer heilen Welt. Der deutsche Soziologe Harald Welzer spricht in seinem Buch "Nachruf auf mich selbst" von der Illusion von Unendlichkeit, die wir brauchen, um unseren zerstörerischen Lebensstil beizubehalten.

Seine These: Wir hätten verlernt, aufzuhören. Treiben immer weiter, woran wir uns gewöhnt haben. Selbst wenn uns diese Gewohnheiten schaden oder wenn wir damit die Zukunft unserer Kinder zerstören. Welzer nennt die Katastrophen des 21. Jahrhunderts, allen voran die Erderhitzung, "Endlichkeitsphänomene", die wir ausblenden, während wir Dinge anstreben, die unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Mit diesen düsteren Gedanken setzte ich mich vergangenes Wochenende mit ein paar alten Freunden in eine Age-of-Empires-Zusammenkunft. Ohne Pizza und nicht im selben Raum, aber immerhin online verbunden. Es war gut. Wenn auch nicht so gut wie damals. Kurz vor Mitternacht gingen wir wieder auseinander. Zumindest bei "Age of Empires" hat sich die Systematik für uns inzwischen geändert: Wir konnten aufhören. Und es war gar nicht so schwierig.