Dafür, dass das Brimborium rund um Weihnachten und den Jahreswechsel so früh anhebt (oft stehen die Schoko-Weihnachtsmänner schon im Oktober in den Supermärkten), verfliegt der Zauber dieser speziellen Zeit rasant. Spätestens am 6. Jänner, dem Tag der Heiligen Drei Könige, ist alles gegessen. Und nur das unheilige Omikron-Virus verhindert, dass die Maschine unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems gleich wieder auf vollen Touren läuft. Wie lange der Zustand noch andauert und welche Folgen das alles hat, ist eine Frage, die selbst Chaostheoretiker und Simulationsforscher wie der dramatisch zerzauste Niki Popper nicht beantworten können.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Hier kommt eine Berufsgattung ins Spiel, die uns eventuell auch etwas über den Wissenschaftsskeptizismus in diesem Land erzählen könnte, das aber tunlichst vermeiden wird. Weil man ja dafür nicht zuständig oder gar verantwortlich sei, genauso wenig wie für die eigene Kundschaft und deren Folgerungen aus dem eigenen Tun.

Erraten: Die Rede ist von der Zunft der Zukunftsdeuterinnen. Ich verwende bewusst die weibliche Form, weil Frauen hier klar dominant sind. Woher ich das weiß? Aus einem Inserat der steirischen Wirtschaftskammer, das - als eine Art Serviceleistung - die gewerblichen Astrologinnen und Astrologen des Bundeslandes auflistet ("Die persönlichen Dienstleister"). Ich habe es mir extra aus der Zeitung ausgerissen. Unter dreiundzwanzig Kontakten findet sich da gerade mal ein männlicher Dienstleister, immerhin mit Gewerbeschein! Ein Ausweis der Seriosität, ohne den nichts geht in Österreich.

Das Geschäft brummt: Die Zeiten verlangen nach Deutung, Analyse, dunklen Ahnungen und schicksalshaften Ratschlägen. Selbst der ORF kommt seinem Bildungsauftrag nach und schickt seine prominenteste Expertin für das Irrationale an die Front. Gerda Rogers in Ö3, Gerda Rogers in den "Seitenblicken", Gerda Rogers in Talkshows, bei Stöckl, in "Licht ins Dunkel". Soll sein. There’s no business like show business. Freilich ist es keine besondere Gabe, die Kritik daran auch ohne Kristallkugel vorauszusehen. Die eigentliche Konkurrenz erwächst den Sternendeuterinnen aus Fleisch und Blut freilich gerade im Internet. Selbst denen, die von den Medien zu Leitsternen des Gewerbes erkoren wurden. "Wenn der Algorithmus das Horoskop schreibt", betitelte unlängst "Die Presse" einen interessanten, und, ja, nicht unkritischen Artikel zum Phänomen, dass Astrologie längst nicht mehr nur zum Jahreswechsel Hochsaison hat, sondern zum alltäglichen digitalen Lifestyle-Produkt mutiert. Das Horoskop wird nicht mehr in verschmuddelten Wochenend-Beilagen nachgeblättert, sondern kommt täglich als personalisierte Push-Notification via Apps wie "Co-Star", "Sanctuary" oder "The Pattern" ins Haus.

Nun ist mir schon klar, dass man Rationalismus nicht auf Krankenschein verordnen kann. Aber von Frau Rogers zum Beispiel würde ich doch zu gern, äh, wissen, ob Menschen im Aberglauben-Business noch eine Zukunft haben.