Vielleicht bin ich schon der Siebenundsiebzigste, der eine Glosse mit diesem Titel schreibt, aber irgendwann juckt es jeden Journalisten, Blogger und Lektor, sich mit diesem Satzzeichen zu befassen: Der Beistrich mit dem darüber gesetzten Punkt bewirkt eine stärkere Trennung als das Komma, aber eine schwächere als der Punkt, und er hat einen wesentlichen Vorteil: Danach wird immer klein weitergeschrieben. Der Doppelpunkt, funktionstechnisch ein Verwandter des Semikolons, stellt uns hingegen auf die Probe: Erkennt der Schreibende, dass die folgenden Wörter keinen vollständigen Satz darstellen? Nur dann geht es klein weiter.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Das Wort Semikolon ist eine Erfindung des 15. Jahrhunderts, eine Neubildung aus lateinisch colon, das ist das Glied einer Satzperiode, und lateinisch semi: also ein Zeichen, das ähnlich wie ein Punkt trennt, aber nicht so stark. Mitte des 17. Jahrhunderts ist die Bezeichnung "ein Strichlein mit einem Pünktlein" aufgekommen. Beim Rufzeichen wäre "Strichpunkt" treffender gewesen, dort haben wir es wirklich mit einem Strich zu tun. Kaspar von Stieler schrieb 1691, das Zeichen werde nach längeren Satzkonstruktionen verwendet, wenn "als", "so" oder "demnach" folgen. Gottsched meinte 1762: "Man setze den Strichpunkt da, wo entweder ein neu Prädikat zu demselben Subjekt; oder ein neu Subjekt zu demselben Prädikate gesetzet wird." So restriktiv gehen wir heute nicht vor.

Dass der Strichpunkt vom Aussterben bedroht ist, kann man als gegeben annehmen, obwohl mir keine empirische Untersuchung dazu vorliegt; dabei wäre dies mit der Methode der Corpus-Analyse so einfach. Für das Englische habe ich im Internet eine Erhebung gefunden. Der Statistiker Tylor Vigen hat es exakt ermittelt: Kamen in Jane Austens "Verstand und Gefühl" auf 1.000 Wörter noch 13,1 Strichpunkte, waren es bei Dickens und Mark Twain nur noch knapp neun; in den neueren Harry-Potter- und "Twilight"-Romanen sank der Quotient auf unter zwei.

Vielleicht ist das Schwinden des Semikolons "ein Zeichen der Zeit" - diese flapsige Doppeldeutigkeit kann ich mir nicht verkneifen. Es gibt heutzutage keine Grautöne mehr, nur schwarz und weiß; aber die Welt ist nuancenreicher! In Journalistenkursen wird gelehrt: Triff klare Aussagen! Mach kurze Sätze! Nachrichten in einfacher Sprache werden als Fortschritt gepriesen; dieses Credo ist Wasser auf die Mühlen jener, die dem Strichpunkt den Garaus machen wollen.

Ja, auch solche Zeitgenossen gibt es. Sie sagen, der Strichpunkt sei weder Fleisch noch Fisch, ein Zeichen der Unentschlossenen und der Zauderer; wie wenn es nicht zum menschlichen Wesen gehören würde, hin und wieder auch unentschlossen und zaudernd zu sein.

Es wäre schade, wenn der Strichpunkt eines Tages nur noch in der Gesetzgebung gebraucht wird; bei Novellierungen ist er praktisch und deshalb beliebt: "Im § 2 wird der Punkt am Ende der Z 45 durch einen Strichpunkt ersetzt; folgende Z 46 wird angefügt: ..." Das ist ein seltener Triumph des Strichpunkts über den Punkt. Dass er in den Zwinkersmileys überlebt, wird ihm nur ein schwacher Trost sein.