Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

Als meine Haare im vorvergangenen Jahr eine gewisse Überlänge erreicht hatten und die "körpernahen Dienstleister" geschlossen halten mussten, erstand ich um 50 Euro ein Haarschneidegerät. In einem adretten grünen Köfferchen, das mit Reißverschluss zu öffnen war, lagen eine handliche Apparatur, sechs unterschiedliche Aufsätze für längere und kürzere Haare sowie Bärte in allen vorstellbaren Variationen samt einem Kabel zum Aufladen des Akkus. Allerdings nahm ich damals von der Aktion Haareschneiden-im-Selbstversuch Abstand, ließ die weiße Pracht sprießen und dann im Mai, als die Coiffeur-Salons wieder öffnen durften, auf Normalmaß zurückstutzen.

Nun stünde eine Korrektur der Nackenhaare an, wegen der ich die Friseurin - gerade in Omikron-Zeiten - nur ungern bemühen möchte. Ich ging also daran, mein eigenes Gerät anzuwerfen, was allerdings trotz mehrmaligen Ansteckens des Akkus nicht gelang. Vielleicht läuft die Garantie ja länger als ein Jahr, und ich kann den Schaden kostenlos beheben lassen, sagte ich mir. Rechnungen und Gebrauchsanweisungen technischer Geräte lagern bei mir in einer dicken Mappe, die ursprünglich für - sicherlich höchst wichtige - Presseunterlagen bestimmt war.

Ich fand neben der zehnjährigen Garantieerklärung meines Samsonite-Trolleys (seit Jahren abgelaufen, Koffer völlig intakt) und diversen Broschüren in mehreren Dutzend Sprachen für Waschmaschine, Staubsauger und Laptop ein kleines, gelbes Heftchen der Firma Quelle. Es war die Gebrauchsanweisung für den "Universum VTCF 1339", den ich im Jahr der Währungsumstellung für 30 Euro auf einem Flohmarkt gekauft hatte: Eine Compact-Anlage, wie man dies in den 1980er Jahren nannte, über die man Radiosendungen, Schallplatten und Audiocassetten hören konnte.

15 Seiten, ausschließlich auf Deutsch, umfasst das Schriftwerk, das dem stolzen Besitzer des VTCF 1339 technisch exakt, aber gleichzeitig stilsicher und einfühlsam die Handhabung erklärt. "Beim Aufstellen der Lautsprecherboxen lassen Sie sich vom Versuch und der Zweckmäßigkeit für gutes Stereohören leiten." Es folgt ein ins-truktives Schaubild mit den beiden Boxen an der Schmalseite des Zimmers und einer Sitzgruppe gegenüber, die im punktiert eingezeichneten Bereich des Schalls liegt. Zur juristischen Abrundung ist gegen Ende der Broschüre der Hinweis angefügt, dass das Gerät von der deutschen Bundespost zugelassen, ein Empfang des Polizei- und Seefunks jedoch strafbar ist.

Inzwischen habe ich mir einen teureren Plattenspieler geleistet, aber der VTCF 1339 ist heute noch für das Abspielen von Cassetten im Einsatz - mit gleichbleibend "gutem Stereohören". Die Garantieerklärung des Haarschneiders habe ich nicht gefunden, wahrscheinlich ist sie ohnedies längst hinfällig. Eine Reparatur des Akkus würde laut dem Händler doppelt so viel kosten wie ein neues Gerät. Ich werde wohl versuchen, meinen Nackenhaaren mit dem Nassrasierer beizukommen.