Als im Jahr 169 n. Chr. in Aquileia mit dem Mitregenten Lucius Verus der zweite Mann im römischen Staat an den Folgen der sogenannten "Antoninischen Pest" verstarb, war dies zwar der vornehmste, keineswegs aber der einzige Todesfall dieser Art im römischen Weltreich. Antike Quellen berichten vielmehr von schockierenden Zuständen und bis zu 2.000 täglichen Todesfällen allein in der Hauptstadt Rom.

Die Symptome der grassierenden Seuche wurden vom bekannten römischen Mediziner Galen mit Fieber, Ausschlägen und Bläschen beschrieben, was für eine schwere Pocken- oder Masernepidemie sprechen könnte. Mit römischen Soldaten, die die Ostgrenze des Reiches im Nahen Osten verteidigt hatten, gelangte der Krankheitserreger jedenfalls über Ägypten bis ins Herz Europas und war gekommen, um zu bleiben.

Obwohl die Verluste an Menschenleben im Zentrum des römischen Reiches zwischenzeitlich zurückgingen, gab es Regionen, in denen viele noch in den 180er Jahren dahingerafft wurden. Einer dieser späteren Herde der Epidemie war auch die Hauptstadt der römischen Provinz Noricum Virunum. Diese antike Metropole lag einst nahe Klagenfurt am Zollfeld und ist aufgrund jahrzehntelanger archäologischer Forschungen mittlerweile recht gut rekonstruiert.

Bei Ausgrabungen des Landesmuseums für Kärnten im westlichen Vorstadtbereich Virunums wurde 1992 in einer Grube ein wahrer epigraphischer Schatz geborgen: eine 90 x 60 cm große, massive Bronzetafel, die aus Anlass der Restaurierung eines Mithras-Heiligtums im Jahr 183 n. Chr. von 34 namentlich genannten Mitgliedern gestiftet wurde. Eine nur ein Jahr später in die Tafel eingegrabene Inschrift lässt erkennen, dass sich die Anhänger des Kultes aufgrund eines Seuchensterbens zu einer Feier im Tempel eingefunden hatten, um fünf ihrer Kultgenossen zu betrauern.

Der Mithraskult war zu jener Zeit im römischen Reich weit verbreitet und verhieß seinen Anhängern ähnlich wie das junge Christentum Erlösung vom irdischen Leid. Welche Riten dabei im Detail vollzogen wurden, ist nicht mehr bekannt, schließlich handelte es sich ja um einen Geheimkult, eine Mysterienreligion, deren Inhalte dem angehenden Gläubigen erst nach und nach offenbart wurden.

Weitere Inschriften aus Virunum zeigen jedenfalls, dass auch hochgestellte Verwaltungsbeamte zu den Verehrern des Mithras gehörten und der Kult bis weit ins 4. Jh. n. Chr. seine Strahlkraft bewahrte, ehe seine heiligen Stätten mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion für immer geschlossen wurden.