Man könnte ganze Essays über Bedienungsanleitungen schreiben. Ausgehend von der Erkenntnis, dass diese in der Regel gar nicht oder erst im Nachhinein gelesen werden - dann, wenn der Schaden schon eingetreten ist. Es ist ein trauriges Kapitel im Wirkungsfeld der Technik. Und ich könnte Ihnen ein Lied davon singen, wie - selbst bei wirklich komplexen Gerätschaften - fahrlässig und ignorant von vielen Konsumenten mit dem Thema umgegangen wird.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Nun hat es auch mich selbst erwischt. Wobei: Ich habe eine gute Ausrede. Es lag meinem letztwöchigen Testobjekt - einer semiprofessionellen Sony-DSLR-Kamera, Model Alpha 7 IV - nämlich keine Bedienungsanleitung bei. Kein Problem, dachte ich, eine gute Kamera erklärt sich quasi von selbst. Und es ist ja nicht so, dass mit der Alpha 7 das Rad neu erfunden wurde; die Fotoindustrie übt sich vornehmlich, wie viele andere Gebrauchselektronikfabrikanten auch, in kleinen evolutionären Schritten. Da ein paar Megapixel mehr, hie eine neue Bedienungsführung oder ein moderneres Design. An der grundsätzlichen Funktionsweise ändert sich wenig bis nichts.

So sahen das auch die Profi-Kameramänner, mit denen ich aktuell an einer TV-Dokumentation arbeite: Sie legten einfach los. Und dann passierte etwas (ich beschrieb es in der vorwöchigen "Maschinenraum"-Kolumne): Die Sony schaltete sich einfach ab. Mitten in den Dreharbeiten. Wegen "Überhitzung". Man musste glatt ein paar Minuten warten - seltsam, die Kamera war gerade handwarm -, dann konnte es weitergehen. Natürlich ist das für ein Gerät, das definitiv kein Spielzeug ist (und auch ein entsprechendes Preisschild trägt), inakzeptabel. Ein Konstruktionsfehler? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der japanische Branchengigant Sony ein solches Produkt auf die Menschheit loslässt. Ein guter Ruf ist rasch ruiniert. Ich begann also nachzuforschen, was es mit dem Hang zur Überhitzung auf sich hat. Und fand rasch jede Menge Hinweise im Netz. Und ein Mail der Sony-PR-Agentin im Elektropostfach: "Nach interner Rücksprache möchte ich Ihnen mitteilen, dass es sich um eine Einstellung bei der Kamera handelt. Diese ist zum Schutz vor einer möglichen Überhitzung als Default automatisch aktiviert und lässt sich über das Menü manuell deaktivieren."

So steht es auch in der Bedienungsanleitung. Man kann den Automatismus einfach abschalten. Freilich scheint es nur die halbe Wahrheit zu sein. Jedenfalls berichten Insider, dass die ärgerliche Chose mit Einfuhrsteuer-Normsätzen zu tun hätte: Kann eine Fotokamera mehr als eine halbe Stunde am Stück filmen, wird sie als "Camcorder" klassifiziert. Und deutlich teurer (rund fünf Prozent in Deutschland). Also umgeht man den Aufschlag, indem man eine faktische Sperre einbaut. Die sich freilich wieder umgehen lässt. Dann filmt die Alpha 7 IV, bis der Akku leer ist.

Quod erat demonstrandum. Jedenfalls stehe ich nicht an, mich bei Sony zu entschuldigen. Und der p.t. Leserschaft den - immer und ewig gültigen - Tipp zu geben, vor Gebrauch einen Blick in die Bedienungsanleitung zu werfen.