Der Sideletter klingt zwar nach einem oberösterreichischen Familiennamen (Karl Maria Sideletter, Braumeister und Bürgermeister von Grieskirchen im 18. Jahrhundert), ist aber Englisch und bedeutet so viel wie schriftlich fixierte Geheimabsprachen. An und für sich ein unösterreichisches Unding, lautet doch der Paragraf zwei der Realverfassung: "Jedes Schriftl is a Giftl." Das ist das Wichtigste. Nach Paragraf eins natürlich, der da heißt: "Was? Wer? I? Na!"

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de

Und in diesem Nebenbrief genannten Abkommen steht einiges drin. Eigentlich das Wichtigste. Kennt ja der eine oder andere auch aus seinem Privatleben. Da existieren vielleicht auch Nebenbeziehungen, und der oder die NebenpartnerIn erfährt auch eher die wichtigen Sachen, während in der offiziellen Partnerschaft auch nur die offiziellen Informationen geteilt werden. "Stimmt’s Schatz?" - "Was denn?" - "Ah, nix, i hab vergessen, dass Du keine Ahnung davon hast."

Und was steht im Sideletter? Genau das, was wir seit Jahren vermuten. Und so ist man moralisch, politisch, juristisch, aber auch als Mensch enttäuscht, dass es exakt so rennt, wie man sich das schon gedacht hat.

Und jetzt sind wir sauer, weil man uns eine Illusion genommen hat, die einer unabhängigen Verwaltung, die Traumvorstellung einer kompetenten Öbag-Spitze. Und das schöne Märchen, dass im ORF das Parteibuch nicht weiterhilft.

Hoffentlich war’s das jetzt. Wir haben ja schon einiges ertragen müssen an Entzauberungen die letzten Jahre: HC Strache ist gar kein ehrlicher Makler des kleinen Mannes, sondern verkauft für eine Oligarchennichte und ein Red Bull sein letztes Unterhemd und die "Krone"? Sebastian Kurz ist kein Volkskaiser, der das Land ins Himmelreich führt, sondern eher der Boss einer Bande, die mit Steuergeldern Umfragen kauft und Großspendern bei der Steuererklärung hilft? Und von der Katholischen Kirche und ihrer Interpretation von "ihr Kinderlein kommet" wollen wir gar nicht reden.

Was kommt denn als Nächstes raus? Dass es homosexuelle Skifahrer gibt? Doping im Fußball? Politische Einflussnahme im IOC?

Das will man doch gar nicht wissen.

Wie angenehm dagegen das reichste Prozent der Bevölkerung. Dieser hundertste Teil von uns, den wir man großkopfert, vermögend oder schlicht gstopft nennen darf, dieses Hundertstel mit Cash nimmt sich vornehm zurück. Denen gehört wahrscheinlich zwar das halbe Land, die Hälfte des Volksvermögens, also quasi 50 Prozent von allem, was man so Vermögenswerte nennen kann im Staate Österreich? Aber was wissen wir über dieses eine Prozent der Bevölkerung? So gut wie nichts.

Das ist doch mal angenehm bescheiden in der Kommunikation. Merke: Man muss einfach sauviel Kohle besitzen, um sich das dröhnende Schweigen um einen leisten zu können.

Aber vielleicht werden wir ja doch noch was hören. Die Serie: "Die Nachrichten des Thomas S." soll ja noch lange nicht fertig sein.

Insofern wartet man auf die nächsten Enthüllungen. Vielleicht aus dem Finanzministerium: "Die schönsten Steuererklärungen des reichsten Prozent der Österreicher."

Offen ist nur, ob das eine Realsatire werden wird, ein Krimi oder doch einfach nur Fantasy. Bleiben Sie dran und abonnieren sie diesen Sideletter.