Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Es gibt viele Fragen, mit denen sich die Menschheit schon lange herumschlägt. Manche dieser Fragen sind sogar so etwas wie globalhistorisches Kulturerbe, was nicht heißt, dass es auch zufriedenstellende Antworten gäbe. Nur ein Beispiel: Eine von ihnen zieht sich über fast eine ganze Seite eines Bandes von Hergés "Tintin et Milou", auf Deutsch nicht weniger hübsch "Tim und Struppi". Wenn ich mich recht erinnere, raubt sie in der Folge "Kohle an Bord" Tims raubeinigem und trinkfreudigem Kompagnon Haddock den Schlaf. Die Gruppe ist vom verbrecherischen Kapitän Allan gefangen genommen, und während der die Kabinentür verrammelt, rät er Haddock höhnisch, sich die Zeit mit der Frage zu vertreiben, ob er seinen Bart beim Schlaf unter oder über der Decke platziert.

Nun betrifft eine so perfide Frage natürlich nur die Bartträger, also einen geringen Teil der Menschheit. Beunruhigende Fragen, die alle angehen, gibt es aber auch, zum Beispiel: Hat eigentlich die Art des Transports von Kleinkindern eine Auswirkung auf ihre spätere Welt- und Gesellschaftssicht? Die Frage ist deshalb von Bedeutung, weil die frühkindlichen Erfahrungen, so zumindest ernstzunehmende pädagogische Theorien, spätere Lebensanschauungen prägen. Und weil es eben zwei Arten von Kindestransport, also frühkindlicher Mobilität gibt.

Nehmen wir nur die Kinderwägen: Es gibt welche, die das Sichtfeld in Fahrtrichtung eröffnen, sodass das schiebende Personal gar nicht wahrgenommen wird; andere, bei denen umgekehrt der Blick auf die schiebenden Eltern gerichtet bleibt, wobei jetzt sofort eine weitere Frage querschießt, die aus den Beobachtungen des Alltags erwächst: Warum ist es neuerdings so, dass fast ausschließlich die jungen Väter das Gefährt schieben? Ist ja ein schönes Zeichen von Emanzipation, aber diese Ausschließlichkeit wirkt dann doch mitunter etwas gezwungen. Nun ja, besser so als gar nicht, was jetzt mal als Antwort durchgehen mag.

Bleibt die Frage, ob diese frühe Differenz der Blickfelder unterschiedliche Charaktere fördert. Neigen die, die nach vorn schauen, später eher zu waghalsigen Innovationsberufen und die anderen zu sozialen? Dieselbe Frage stellt sich übrigens auch bei den körpernahen Transportmedien in Tüchern oder trendigen Applikationen vor der Brust der Eltern oder auf deren Rücken. Auch da: Manche Kinder werden so an die Eltern geschnallt, dass sie in die Welt blicken, andere so, dass sie die jeweiligen Träger[Sternchen]innen anschauen.

Noch eine Frage, nur kurz skizziert, aber von weit globalerer, ja grundlegend kulturgeografischer Bedeutung und latenter Brisanz, denn sie offenbart eine gewisse Ungleichverteilung von Chancen. Und vielleicht sogar eine sublime Form von Diskriminierung oder vielleicht auch nationalem Eigensinn? Denn erstaunlich ist es schon, dass es zwar in Reykjavík, Island, eine beträchtliche Zahl italienischer Lokale gibt, in der italienischen Metropole Rom aber kein einziges isländisches. Warum nur?