"Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen - eine ziemlich dumme Idee." Gewiss: Würde ich mich an diese Erkenntnis halten - sie wird wahlweise Frank Zappa, Elvis Costello, Thelonious Monk oder Miles Davis zugeschrieben -, wäre es der hierorts gebotenen Konzentration auf Technisches dienlich. Aber pure Unvernunft treibt mich an. Lust auf Musik. Und ein Quantum Nostalgie. Denn es ist dieser Tage ziemlich exakt fünfzig Jahre her, dass eines meiner Lieblingsalben erschienen ist. Es trägt den Titel "Harvest".

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Da ihr Schöpfer, der US-Rockveteran Neil Young, ein halbes Jahrhundert später immer noch und immer wieder auf der Bildfläche erscheint und manche in ihm vornehmlich einen halsstarrigen alten Zausel sehen, könnte man öffentlich bekannte Liebe zu diesem, seinem mit Abstand erfolgreichsten Album - und, ja, es ist Liebe - als Signal für die Selbsteinlieferung ins Pop-Mausoleum werten. Wäre da nicht die Musik. Und spräche sie für sich selbst. In meinem LP-Regal findet sich kaum ein anderes Stück, das einen bestimmten Abschnitt der Jugend, ein gewisses Lebensgefühl, eine nie ganz enttäuschte Ahnung von Fremd- und zugleich Vertrautheit so perfekt in eine Zeitkapsel gepresst und über die Jahrzehnte frisch gehalten hat. "Herz aus Gold"? Wenn ich nicht mehr danach suche (und ein paar Millionen sentimentale Narren mehr), dürft ihr den Planeten getrost in die Luft sprengen.

Wenn Sie nun spontan auf Spotify dieses Album nachhören wollen, werden Sie es nicht finden. Außer ein paar oskure Restln - und Songs, die für Soundtracks und Compilations lizenziert wurden (darunter kurioserweise auch "Heart of Gold") und damit dem Zugriff des von Ärger getriebenen Künstlers entzogen sind. Es ist viel geschrieben worden über die Motivation von Young, sich mit der E-Gitarre in der Hand - quasi in der Rolle des David - mit dem Business-Goliath Spotify anzulegen. Samt Mitstreiter/innen wie Joni Mitchell, Graham Nash oder India Arie. Vordergründig geht es um einen Podcast eines gewissen Joe Rogan, in dem Covid-Skeptiker und Impfgegner zu Wort kamen. Spotify gibt dem Talkmaster eine exklusive Plattform und bezahlte dafür 100 Millionen Dollar. Mittlerweile hat das Unternehmen aber selbst über hundert Folgen der "Joe Rogan Experience" entfernt, wegen vorgeblich rassistischer Äußerungen. Zensur wolle man aber keinesfalls üben, Spotify sei ja schließlich "nur eine Plattform" und kein Medienunternehmen (der übliche Schmäh der Digitalsphäre). Es geht also drunter und drüber. Eventuell gar nicht um Podcasts.

Als ich das erste Rappeln in der Kiste vernahm, notierte ich mir: "Daniel Ek, der Aktien-Milliardär und Chefexekutionsoffizier von Spotify, denkt sich wahrscheinlich: "Die alten Hippie-Trottel!" - und ahnt noch nicht einmal, dass diese Generation beginnt, sein kühles Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts in Frage zu stellen. Und zwar generell." Die Bezahlung der Lieferanten (also Künstler/innen) durch das Streaming-Service steht mittlerweile genauso zur Debatte wie die mäßige Klangqualität. Und Neil Young deklamiert, die Mitarbeiter von Spotify mögen kündigen und "den Ort verlassen, bevor er ihre Seele auffrisst". Genug Herzhaftes für eine neue Songernte.