Wenn wir keine andere Möglichkeit mehr sehen, als das Schlimme mit etwas noch Schlimmerem zu bekämpfen, dann steht es schlimm um uns. Die Entscheidung der EU-Kommission, die Kernenergie als "grün" einzustufen und so Investoren zu motivieren, erinnert an solch eine fatale Situation. Dass nahezu zeitgleich im fernen Japan eine Debatte darüber ausgebrochen ist, ob das radioaktive Kühlwasser der geschmolzenen Kerne von Fukushima nicht doch einfach ins Meer geleitet werden könnte, gibt uns einen Vorgeschmack auf eine Zukunft, in der wir die Wahl zwischen einer aufgeheizten oder einer kontaminierten Umwelt haben könnten.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Neben vordergründigen ökonomischen Interessen, denen die Sorge um das Klima ein willkommenes Deckmäntelchen bietet, verweist die neue Etikettierung des Atomstroms auf ein veritables Paradoxon: Tatsächlich ist keine Form der Energiegewinnung "nachhaltiger" als die Kernspaltung. Deren Nutzung bemisst sich in Jahrzehnten, ihre Abfälle jedoch müssen über Jahrtausende gelagert, gesichert, beobachtet und kontrolliert werden. Der aufrichtige Wunsch, den kommenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, hält uns nicht davon ab, diese für unvorstellbare Zeiträume mit den Rückständen unseres Strombedarfs zu belasten. Dass auch Gift- und Plastikmüll aus den ökologischen Kreisläufen nicht wegzubringen sind, ist nur ein geringer Trost.

Das Argument, dass der Erfindungsreichtum der Menschen schon dafür sorgen werde, diese Probleme zu lösen, will nicht so recht beruhigen. Genauso könnte man darauf setzen, dass unsere unmittelbaren Nachkommen rasch Technologien entwickeln werden, um der Atmosphäre das von uns ausgestoßene CO2 wieder zu entziehen. Nüchtern betrachtet, dürfte dies sogar realistischer sein als die Hoffnung, unter wechselnden und instabilen politischen Bedingungen das strahlende Erbe des Atomzeitalters zu entschärfen.

In diesem Jahr gedenken wir des 120. Geburts- und des 30. Todestages des Philosophen Günther Anders. Der streitbare Denker hatte sein halbes Leben dem Kampf gegen die "atomare Drohung" gewidmet. Es mag stimmen, dass diese im Kalten Krieg virulenter war als in den letzten Jahrzehnten. Der aktuelle Ukraine-Konflikt führt uns aber vor Augen, dass sich nach wie vor atomar bewaffnete Mächte gegenüberstehen. Die friedliche Nutzung der Kernenergie ist bislang zumindest von ihren militärischen Anwendungen nicht zu trennen. Und bis die versprochenen kleineren und umweltfreundlichen Nuklearreaktoren einsatzfähig sein werden, wird mehr Zeit vergehen, als es den Klimaschützern recht sein kann.

Überhaupt: Zeit. Eine Grundthese von Anders besagt, dass Menschen in einer komplexen technologischen Zivilisation nicht fähig sind, die langfristigen Konsequenzen ihrer Innovationen zu antizipieren. Wir müssten uns das Unvorstellbare vorstellen können, doch es fehlt uns an "prognostischer Phantasie". Das erklärt, warum viele die Vorteile der Kernenergie im Kampf gegen den Klimawandel höher einschätzen als ihre Nachteile. Die Auswirkungen der Treibhausgase sind unmittelbar sichtbar und spürbar; was es bedeutet, wenn Menschen in 30.000 Jahren auf Warnungen vor radioaktiven Lagerstätten stoßen werden, die sie nicht mehr entziffern können, übersteigt unsere Imaginationskraft.

Einfache Lösungen kann es in Energie- und Klimafragen nicht geben. Der Stopp des Straßenausbaus und spektakuläre Aktionen mögen vielleicht punktuell wirken, am Energiehunger einer wachsenden Weltbevölkerung wird dies wenig ändern. Ob es allerdings klug ist, den CO2-Teufel mit dem atomaren Beelzebub auszutreiben, scheint mehr als fraglich.