Die Ausgangslage ist bekannt. Auf duden.de wird neuerdings das generische Maskulinum, das ein Wesenselement der deutschen Sprache ist, zu Grabe getragen. Im Satz "Die Demonstranten blockieren die Innenstadt" war bisher gemeint, dass es sich sowohl um Männer als auch Frauen handelt. Nach neuer Sichtweise ist dem nicht so: Mit "Demonstranten" wären nur Männer gemeint. Deshalb müsse es heißen: "Die Demonstrantinnen und Demonstranten blockieren die Innenstadt."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Im Singular postuliert der Duden, dass "Arzt" nur ein Mann sein könne, denn "Ärztin" ist immer eine Frau. Auch das entspricht nicht dem Sprachgebrauch. Wenn ich zu meiner Augenärztin gehe, sage ich: "Ich gehe zum Arzt." In gleicher Weise sage ich: "Ich gehe zum Bäcker" - ohne darüber nachzudenken, ob der Geschäftsinhaber beziehungsweise die Person hinter dem Ladentisch ein Mann oder eine Frau ist.

Aber es wird noch kurioser. Auf duden.de gibt es nämlich auch "der Lehrende" mit der Bedeutung "der Lehrer", ferner "die Lehrende" mit der Bedeutung "die Lehrerin". Warum "die Lehrende" aus Sicht der sogenannten sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit besser ist als "die Lehrerin", hat sich mir nicht erschlossen.

Der Duden ist in eine Falle getappt, die er sich selbst aufgestellt hat. Er propagiert, dass man statt "die Lehrerinnen und die Lehrer" auch "die Lehrenden" sagen könne, deshalb konstruiert er zur Mehrzahl eine wenig sinnvolle Einzahl. Damit biegt er sich das erste Mal die Grammatik zurecht. Denn "die Lehrenden" sind nicht "Personen mit dem Beruf, etwas zu lehren", sondern "Personen, die gerade lehren". Wenn sie die Klasse verlassen haben, sind sie also nicht mehr "Lehrende", aber weiterhin "Lehrer".

Wer in der Schule Lateinunterricht hatte, kennt das Präsenspartizip und weiß, wie dabei übersetzt wird. Barbari accedunt canentes. Die Barbaren rücken singend heran. Also: Die Barbaren rücken heran und singen dabei. Das Partizip Präsens drückt aus, dass eine bestimmte Tätigkeit gleichzeitig zum Prädikat des dazugehörenden Satzes stattfindet, unabhängig vom Tempus, in dem es steht.

Hier einige Beispiele aus dem Deutschen: "Die spielenden Kinder nerven." Oder: "Das schaffst du spielend." Beim Perfektpartizip kommen jede Menge der sogenannten infiniten Verbformen hinzu: "Die Kinder haben auf der Straße gespielt." Weder "spielend" noch "gespielt" sind Wortarten, sondern Formen des Verbs "spielen", und "die Spielenden" ist eine substantivierte Verbform: Menschen, die gerade spielen.

Was macht der Duden daraus? Um die für das Gendern angeblich so wichtige Form "die Lehrenden" zu rechtfertigen, erklärt er "der Lehrende" und "die Lehrende" zu einem "substantivierten Adjektiv". Ein Student, der das behauptete, würde durchfallen; ein Germanist würde sich damit der Häme seiner Kollegen aussetzen. Die gesamte Sprachwissenschaft versteht Partizipialformen nicht als Wortart und damit auch nicht als Adjektiv.

Dem Gendern zuliebe biegt sich der Duden ein zweites Mal die deutsche Grammatik zurecht. Nur durch die falsche Klassifizierung "substantiviertes Adjektiv" werden "die Lehrenden" zu "Lehrern" - und nicht zu Personen, die gerade unterrichten.