Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Im Burgtheater läuft dieser Tage Jean Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft". In diesem Klassiker geht es um drei Menschen in der Hölle. Die Höllenqual für den Mann und die beiden Frauen in dem Stück besteht, grob gesagt, darin, einander ertragen zu müssen. Sie sind gefangen in einem zerstörerischen Beziehungsgeflecht aus unerfülltem Begehren, aus Bewerten und Bewertetwerden. Sie können diesem Wechselspiel nicht entgehen, weil sie auf unendliche Zeit in einem Hotelzimmer gefangen sind und auch unfähig, sich zu ändern.

Ich habe Sartres Stück in der Schulzeit gelesen und war davon recht angetan. Heute weiß ich, dass Sartre in Wirklichkeit keine Ahnung von der Hölle hatte. Sonst hätte er das Stück in der Wohnung einer kleinen Familie mit Schnupfen angesiedelt.

Wer einmal ein, zwei Wochen als Familie krank in einer Wohnung verbringen musste, kennt die Lage. Liegt der Fünfjährige im Fieber, bricht es einem das Herz, und der von verschleimten Nebenhöhlen schmerzende Kopf ist voll von Fragen: Isst der Bub genug? Trinkt er genug? Sieht er zu viel fern? Sollen wir noch einmal zum Arzt gehen? Verträgt er die Arznei? Ist es vielleicht doch Corona?

Sobald er endlich genesen ist, tanzt er einem auf der Nase herum, während man selber delirierend und hustend im Bett liegt. Will raufen, spielen, vorgelesen bekommen oder Polsterschlacht machen. Oder er kriecht zu dir unter das Inhalationszelt und verbrennt sich die Finger am heißen Topf. Der Frau nebenan im Schlafzimmer geht es noch schlechter: Machst du jetzt bitte Tee, sagt sie. In Wirklichkeit will man sich bloß einrollen und schlafen, aber irgendwer sollte kochen. Die Küche ranzt vor sich hin; es türmen sich die Wäscheberge. Eigentlich ein Wunder, trägt man doch seit gefühlt einem Jahr bloß Jogginganzug und die selben Schlapfen.

Das wirklich Höllische an so einer Konstellation sind nicht die komplexen Daseinsfragen im Beziehungskontext. Es ist ganz einfach der Umstand, dass man daran gehindert wird, in Selbstmitleid zu verfallen und den Zustand der Verschnupftheit voll auszukosten. In einer Welt der Verpflichtungen ist so ein grippaler Infekt einer der wenigen Gründe, die dringenden Dinge liegen zu lassen und dabei zu bemerken, dass so manche Verpflichtung vielleicht gar nicht so dringend ist. Die perfekte Gelegenheit, einmal ganz für sich selbst da zu sein. Für sein Leid, seinen Schmerz und seinen Husten.

So. Und genau diese Gelegenheit besteht mit Schnupfenfamilie eben nicht. Kinder sind große Selbstmitleidverhinderer. Ausweg gibt es wohl keinen. Um mit Sartre zu schließen: Also - weitermachen. In zehn Tagen sollte der Spuk vorbei sein ...