"The proof of the pudding is in the eating", sinngemäß: Probieren geht über Studieren. Das ist ein sehr pragmatischer Zugang zu neuartigen Phänomenen, die sich schlicht in der Praxis beweisen müssen. Diese Herangehensweise wählte - und es lag für Außenstehende ein gewisser Moment der Überraschung oder gar des Erstaunens darin - das Management des altehrwürdigen Wiener Belvederes. Und zwar, um sich eines Trends anzunehmen, der die Kunstwelt seit zwei, drei Jahren in Rasanz erobert hat: die Digitalisierung und Monetarisierung von Kunst via NFTs.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Was sind NFTs? Eine Art elektronischer Besitzurkunden für kaum greifliche Ware (Spötter sagen: reine Fiktion). Wer in Wikipedia das Stichwort "Non Fungible Token" nachschlägt, wird nicht viel schlauer: Die Kritik an diesen digitalen Assets, die angeblich via Blockchain-Eintrag fälschungssicher sind, ist der Definition gleich hintangefügt. "Nicht selten", so das Lexikon, "entsteht der falsche Eindruck, das Bild selbst oder weitgehende, womöglich exklusive Nutzungsrechte am Bild durch den Kauf des NFTs zu erwerben." Da spätestens nach dem Verkauf einer Digital-Collage des Künstlers Beeple durch das Auktionshaus Christie’s um 69,3 Millionen Dollar Hype und Gier Hand in Hand gehen, werden entsprechende Warnungen aber gerne überhört. Wer möchte nicht von diesem wunderlichen exotischen Pudding kosten?

Ein bisschen spielt nun auch das Belvedere mit dem Nimbus eines großen Namens und weltbekannten Sujets, an dem man gefühlt Anteile erwerben kann: Klimts "Der Kuss". Freilich ist das nicht der Fall. Dass eine Fotografie des Gemäldes in zehntausend Quadrate mit einer Kantenlänge von 100 Pixel zerlegt wird und der Käufer zum Okkasionspreis von je 1850 Euro auch noch irgendwelche Widmungen hineinschreiben kann, ist gehobener Kitsch und eine Art von Museums-Souvenirsshop 2.0. Man erwirbt keine darüber hinausgehenden Rechte, außer jenem, diesen Abglanz des "Kusses" im Cyberspace weiterveräußern zu können. Jede Wette, dass die Mehrzahl der Klimt-NFTs aus spekulativen Gründen erworben werden - und nicht, um Valentinstagsgrüße zu übermitteln. Aber jeder darf sein Taschengeld, soweit vorhanden, nach Belieben verwenden.

Ist das nun eine zeitgeistige Form von Budgetauffettung (das Belvedere will im Idealfall 18,5 Millionen Euro aus der Aktion lukrieren, abzüglich ungenannter Provisionen), Beihilfe zum Betrug, wie etwa Kunst-Experte Brian Eno beim Thema NFT instinktiv vermutet ("Ich sehe derzeit vornehmlich Hustler und Künstler, die zu kapitalistischen Arschlöchern mutieren"), angewandte Smartness oder gar die Zukunft des Kunstmarktes und Museumswesens generell? Gute Frage. Nächste Frage. Der Streit über diese Frage tobt quer über alle Kunstgattungen und rund um den Planeten.

Ich halte jedenfalls den Vorstoß von Belvedere-Chefin Stella Rollig und ihrem Team für extrem mutig und extrem fragwürdig zugleich. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob man als Visionär oder Narr in die Geschichte eingeht. Spannend ist der Versuch, den Pudding an die Wand der eigenen Erwartungen (wahlweise: Befürchtungen) zu nageln, allemal.