In Zeiten wie diesen, wo ein Blick auf die Nachrichtenseite des Vertrauens (Kriegsgefahr, Olympische Spiele in Diktaturen, Prominente feiern den Valentinstag) eine derartige Übelkeit auslöst, dass man am liebsten das gut ausgewogene Frühstück (Ceralien, Ballaststoffe, Tschick) in den nächsten Blumenkübel dislocieren möchte, da ist man über jede Meldung dankbar, die einen wenigstens ein wenig amüsiert. So banal diese auch zunächst klingen mag: "Mann aus Südfrankreich gibt der Stadtbibliothek Mönchengladbach ein Buch zurück." Äh... na und? "Nach 60 Jahren." Aha.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de

Daraus ergibt sich: Der Mann ist kein besonders schneller Leser. Das Buch war übrigens ein Werk von Friedrich Engels. Nein, falls jemand fragt, der war nicht bei den No Angels. Und das Besondere an dem Buch ist, dass es nicht nur von Engels ist, sondern auch noch zu seinen Lebzeiten erschienen. Titel: "Die Entstehung des Sozialismus - von der Utopie zur Wissenschaft".

Lang, lang ist’s her. Insofern logisch, dass der Mann das Buch nicht mehr braucht (nicht Engels, sondern der Ausleiher), der Mann lebt schließlich heute und in Südfrankreich. Und Mönchengladbach - wer da schon einmal war, kann es bestätigen - ist ja von seinem ganzen Wesen so weit von Südfrankreich entfernt wie die heutige Gesellschaft vom Sozialismus. Der Südfranzose hat sich in einem - dem zurückgegeben Werk beigefügten - Brief "1.000 mal" entschuldigt. Recht hat er. Das gehört sich auch so. Ob er sich auf Französisch oder Deutsch entschuldigt hat, ist nicht bekannt. Hoffentlich Zweiteres.

Die Menschen aus der Gegend von Mönchengladbach sind - wenn ich meinem eigenen Vorurteil mal Glauben schenken darf - nicht so arg fremdsprachlich begabt. Ähnlich wie die Franzosen. Aber die haben Baguette, in Mönchengladbach gibt es nur Pumpernickel. Dafür besitzt die Stadt als einzige in ganz Deutschland zwei Hauptbahnhöfe. Mit der Logik haben sie es also auch nicht so. Zurück zum schnelllesenden Franzosen: 1.000 Entschuldigungen für 60 Jahre macht immerhin 16,6 periodische Entschuldigungen pro Jahr. Das ist so, als hätte er jeden Monat in der Bibliothek angerufen und zu Ostern, Pfingsten, Maria Himmelfahrt und Weihnachten auch nochmal. Und fast immer zu Allerheiligen. Vielleicht auch aus diesem Grund hat die Bibliothek auf Mahngebühren verzichtet. Aha, sage ich mir, das ist so wie bei der Bank: Wenn man denen 50.000 schuldet, werden sie ganz unangenehm, wenn man allerdings mit 50 Millionen in der Kreide steht, sind die total glücklich, wenn du wenigstens ab und zu eine Ansichtskarte schreibst.

Bei Büchern und Bibliotheken gilt dasselbe... nur mit Zeit. Nach 6 Wochen werden die ungemütlich, nach 60 Jahren sind sie happy, dass du dich überhaupt wieder meldest. In diesem Sinne, nehm ich mir ein Beispiel und geb jetzt mal das lustige Taschenbuch zurück, dass ich mir 1984 von der Stadtbücherei ausgeborgt hab. Darin gewinnt wie immer Onkel Dagobert. Entenhausen ist mindestens so weit vom Sozialismus entfernt wie Mönchengladbach von Südfrankreich.

Leider fehlen der dortigen Bibliothek übrigens immer noch 850 andere Bücher. Also, Leute, gebt Eure Bücher zurück. Bibliotheken sind nämlich... was? Genau: systemrelevant.