Immer mehr Verlage, in Deutschland, aber auch in Österreich, gehen dazu über, bei manchen Büchern darauf hinzuweisen, dass einzelne Inhalte bei bestimmten Lesergruppen eine Retraumatisierung auslösen könnten. Gleich ein konkretes Beispiel: Eine Frau, die als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde, soll beim Kauf des Buches davor gewarnt werden,
dass es beim Lesen mit genau jenem Thema konfrontiert wird, das sie vermutlich nach wie vor belastet.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ein Vorreiter bei derartigen Warnungen ist der Innsbrucker Haymon Verlag. Ich möchte nicht verhehlen, dass es sich dabei um jenen Verlag handelt, wo ein Großteil meiner Bücher erschienen ist. Gerade deshalb will ich die Für und Wider gewissenhaft gegeneinander abwägen. Vorauszuschicken wäre, dass die Warnungen sehr dezent und nur spezifisch ausgesprochen werden, es sollen also nicht alle Leser vor etwas gewarnt werden, was irgendjemanden verletzen könnte.

Bei Haymon wird auf der Rückseite des Buches in einem kleingedruckten Vermerk auf das Impressum verwiesen. Nur wer dort nachschaut, findet die Triggerwarnung. Es wird auch nicht bei jedem Krimi der Leser darauf hingewiesen, dass er bei der Lektüre mit einem Mord konfrontiert wird; ein Krimileser muss damit rechnen. Wer aber ein Buch mit dem Titel "Liebe / Liebe" kauft, der soll davor gewarnt werden, dass es inhaltlich auch um den sexuellen Missbrauch eines Kindes durch den Vater geht.

In der Debatte um die Triggerwarnung wurde sofort die Zensurkeule geschwungen: Es wäre ein erster Schritt, die Freiheit der Autoren einzuschränken. Mir will das nicht in den Kopf gehen. Es werden nicht die Inhalte eines Buches zensiert, ganz im Gegenteil. Passagen, die in Zeiten einer Vorzensur eliminiert worden wären, bleiben im Text erhalten, und selbstverständlich finden Triggerhinweise nur dann statt, wenn der Autor damit einverstanden ist. Der Satz von Ingeborg Bachmann, "die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar", als Argument, dass die Wahrheit unterdrückt werde, passt also in diesem Fall nicht. Wer grausliche Erfahrungen durchmachen musste und dennoch über fiktive oder semifiktive Schicksale der gleichen Art etwas lesen will, der kann sich das Buch trotzdem oder gerade deswegen kaufen. Die Triggerwarnung ist nur eine Entscheidungshilfe.

Das System der Hinweise ist nicht vergleichbar mit den Hinweisen auf CDs: "Parental Advisory. Explicit Lyrics" - das ist eher eine versteckte Werbung, denn selbstverständlich wollen viele Kids eine CD besitzen, vor deren Kauf die Eltern warnen. Die in den USA vorherrschende Doppelmoral, einerseits verbotene F-Wörter in den Medien und andererseits Rappertexte, in denen bisweilen sexuelle Gewalt verherrlicht wird, wäre ein eigenes Thema.

Bleibt noch ein letztes Argument. Vereinzelt wird die Meinung vertreten, dass Triggerwarnungen nur einen geringen Nutzen haben. In der Tat ist die Meinung der Wissenschaft darüber nicht einhellig. Aber sollten sie keinen Nutzen haben, einen Schaden richten sie wohl nicht an.