Der Polestar 2 ist das beste Elektroauto, das ich bislang gefahren bin. Punkt. Dabei ist sein revolutionäres Potenzial weit geringer, als ich mir eingestehen möchte. Die Reichweite etwa: brauchbar (bis 470 Kilometer), aber nicht umwerfend. Interieur und Design: elegant, aber eher konservativ. Der ADAC urteilte, die Karosserie überzeuge mit "Klarheit und Bestimmtheit" - das kann man so stehen lassen. Das Fahrzeug hat eine Anmutung, die an die besten Zeiten von BMW, Audi und Mercedes erinnert: eine noble Zurückhaltung im Gesamtauftritt, gepaart mit dem spürbaren Drang zur Perfektion im Detail.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Wer oder was ist aber Polestar?, höre ich Stammkunden der deutschen Automobilindustrie murmeln. Ihr Weltbild ist zunehmend erschüttert: Neue, exotische Marken dringen in das Aufmerksamkeits-Radar vieler Käufer ein. Dieses Auto hier kommt etwa aus Luqiao, einem Bezirk in der Provinz Zhejiang im Südosten Chinas. Es entspringt einem Joint Venture von Geely und Volvo Cars (immer noch mit Stammsitz in Schweden, aber seit 2010 im Besitz des asiatischen Partners). Polestar ist strikt als Elektro-Start-up konzipiert. Die Produkte stehen nicht beim Händler, sie sind nur über das Internet zu konfigurieren und ordern. Das ist sowieso die Zukunft, wenn sie mich fragen.

Nun gut, aber woher rührt mein eingangs geäußerter Enthusiasmus für das Modell 2 (den ersten Polestar gab’s nur als Luxus-Kleinserie)? Die Antwort: von der Durchdachtheit und Funktionalität des Gesamtkonzepts. Hier gibt es keinen barocken Zierrat. Wenn der legendäre Designer Dieter Rams - mit seinen Entwürfen für die Firma Braun einst eine Stilvorlage für Apple - ein Auto entworfen hätte, käme es diesem nahe. Alleine, dass man auf eine Armaturentafel, Pardon: einen Monitor blickt und nicht visuell in unzähligen psychedelisch blinkenden Anzeigen ertrinkt, lässt aufatmen. Weniger ist mehr. Angeblich ist der Polestar 2 das erste Auto weltweit, dessen Software komplett auf Android Automotive setzt. Das hat den Vorteil, dass sich über Apps Anwendungen herunterladen lassen, die sich tadellos ins Bild fügen. Man zieht sich diese Umgebung an wie einen maßgeschneiderten Handschuh.

Gibt es Minuspunkte? Allerdings, auch wenn meine Kritik manche eher überraschen wird: Der China-Schwede ist ein Sportwagen, getarnt als Familienlimousine. Mit dem getesteten Long Range Dual Motor samt Performance-Paket schießt der Wagen in 4,7 Sekunden von 0 auf 100, erst bei 205 km/h Höchstgeschwindigkeit ist Schluss (Volvo riegelt seine eigenen Marken-Fahrzeuge bei 180 km/h ab). Gesamt-Systemleistung: 408 PS. Das ist, mit Verlaub, zu viel für den Alltag. Viel zu viel. Man ist immer in Versuchung, die formidable Beschleunigung auszuprobieren - das wäre auf Rennstrecken okay, in Städten oder Dörfern ist es obszön, weil lebensgefährdend. Generell ist die ansatzlose Kraftentfaltung von Elektromotoren ein Konstruktionsfehler einer "sportlichen" Denkart, die nicht mehr in unsere Zeit passt.

Der Polarstern funkelt dennoch kräftig. Da es vornehmlich Firmenfahrzeuge sind, die als Elektroautos gekauft werden (Herr und Frau Österreicher sind noch sehr zurückhaltend): Empfehlen Sie das Ding doch mal der Chefetage! Im Idealfall schickt man dann Sie damit auf Dienstreise.