Krisenzeiten, in denen sich die westlichen Gesellschaften mit aggressiven autoritären Systemen konfrontiert sehen, befördern immer auch wohlklingende Bekenntnisse zur Demokratie. Schließlich geht es darum, die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen. Gleichzeitig mehren sich die Zeichen des Überdrusses an dieser Einrichtung. Wahlergebnisse werden unter fadenscheinigen Vorwänden in Zweifel gezogen, Korruption und Nepotismus nehmen zu, die Freiheit der Meinung steht zur Disposition, extreme Ansichten akkumulieren Aufmerksamkeit. Machen wir uns nichts vor: Die Herrschaft des Volkes ist kein Honiglecken. Demokratie ist keine Wohlfühlveranstaltung, sondern eine Möglichkeit, Machtverhältnisse zu organisieren. Ihr Prinzip besteht darin, keinen Bürger von dieser Macht vorab auszuschließen, ihr Verfahren gründet in der Überzeugung, dass in den entscheidenden Fragen des Zusammenlebens der Wille der Mehrheit gilt. Diese Pfeiler, auf denen die moderne Demokratie ruht, sind längst ins Wanken geraten.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Demokratie bedeutet, dass Menschen mitreden, von denen man nicht will, dass sie den Mund aufmachen. Demokratie bedeutet, dass Menschen mitentscheiden, von denen man nicht will, dass sie das tun. Dass das Volk nicht herrschen, sondern erzogen, belehrt, bevormundet und in die richtige Richtung gedrängt werden soll, ist überall spürbar. Die ubiquitäre pädagogische Sprache ist verräterisch.

Klar: Demokratie ist eine Zumutung. Nicht wenige aufgeklärte Menschen fürchten eine Diktatur der Mehrheit, durch die Minderheitenrechte und die Würde des Einzelnen gefährdet wären. Hier liegt ein Missverständnis vor. In einer Demokratie, und nur in einer solchen, gehört es zur Würde des Einzelnen, sich im Feld der Politik dem Willen der Mehrheit zu beugen. Das kann unangenehm sein, aber die Demokratie wurde erfunden, um die Mehrheit vor den Machtansprüchen von Minderheiten zu schützen - nicht umgekehrt. Doch die Mehrheiten können wechseln. Dafür ist Sorge zu tragen, denn einzig dadurch wird die Macht kontrollierbar.

Dass das Wort "Mehrheitsgesellschaft" mittlerweile mit einem negativen Beigeschmack versehen wird, ist ein Alarmsignal. Offenbar sollen die ideologischen Positionen von exklusiven Gruppen, die sich keiner Wahl stellen wollen, weil sie sich für erwählt halten, die Gesellschaft dominieren. Das lässt sich an vielen Beispielen beobachten. Die inflationäre Moralisierung politischer Fragen ist eines davon. Geht es um das Gute, muss man nicht lange diskutieren, schon gar nicht kann man darüber abstimmen lassen. Anstatt sich für seine Konzepte - sei es in Sachen Klimawandel, sei es in gesellschafts- oder sprachpolitischen Fragen - Mehrheiten zu suchen, genügt es, mit Hilfe von Medien, Netzwerken und Aktionen die eigenen Wertvorstellungen gegen die Mehrheit durchzusetzen.

Man versteht das Unbehagen an und in der Demokratie. Es ist so alt wie diese selbst. Mehrheiten können irren. Das bedeutet aber nicht, dass Minderheiten deshalb im Besitz der Wahrheit wären. Natürlich ist es für Menschen, die den Fortschritt auf ihrer Seite wähnen, schwer auszuhalten, dass dieser von bornierten Stimmbürgern gebremst wird. Und es stimmt: Viele Ideen wie die Menschenrechte oder die Forderungen nach Gleichberechtigung waren ursprünglich Minderheitenpositionen. Diese sind der notwendige Stachel im Fleisch der Demokratie. Sie selbst lebt langfristig vom Vertrauen in die Vernunft der Mehrheit. Mitunter wird dieses auf die Probe gestellt. Geht es verloren, tritt anstelle der Demokratie die politische Willkür.