"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle nun, da der Reigen an Pop-Konzerten nach der langen Pandemie-Pause wieder in großem Stil beginnt, über Erinnerungen an frühere Live-Ereignisse schreiben. Etwa über mein erstes Pink-Floyd-Konzert 1977 in der Wiener Stadthalle (mit einem riesigen, an der Decke schwebenden Plastikschwein), oder über die damals von uns Halbwüchsigen zu einer Art Meisterschaft entwickelte Technik, gratis in die allermeisten Hallen und Veranstaltungssäle hineinzukommen (zwei unserer Freunde standen damals, als sie in der Stadthalle durch allerlei Gänge irrten, plötzlich in der Garderobe von Queen...).

In diese Erinnerungen schaltete sich aber ständig, wie ein Störsender, ein anderes, viel buchstäblicheres und aktuelleres Live-Ereignis. Und so stellte (s)ich mir die Frage: Darf man in Zeiten, in denen an einer räumlich nicht allzu weit entfernten Front Menschen sterben, von derlei vergleichsweise unerheblichen Reminiszenzen erzählen und nostalgisch schwärmen?

Meine Antwort: Ja, man darf. Aber soll man es auch? Auch da neige ich, schon etwas vorsichtiger und zögerlicher, zu einer Bejahung. Fühle mich indes gleichzeitig zu einer moralischen Begründung veranlasst, zu einer Art Rechtfertigungsrede, die da lautet: Ziel eines Aggressors - wie jedes Terroristen - ist es unter anderem, alle Aufmerksamkeit auf sich zu (be-)ziehen, die gesamte Wahrnehmung auf sein Tun zu bündeln und zu verengen. Daher gehört es zu den patenten Gegenstrategien, diese perspektivische Fixierung aufzuheben - und nicht nur auf das irrsinnige Treiben zu starren, sondern - als eine Art Antidot - sein herkömmliches Leben, solange es geht, aufrechtzuerhalten und weiterzuführen. Und dazu gehören nun einmal auch Erinnerungen, Reminiszenzen, Nostalgien, wie leicht, salopp oder auch frivol sie jeweils sein mögen. Sie müssen sich, Zäsur und Zeitenwende hin oder her, nicht in einem mentalen Stellungskrieg gegen die Schwerkräfte von Ereignissen behaupten, für die sie nichts können - und von denen sie unabhängig sind.

Es gehört ja nachgerade zu den viel beschworenen Werten westlicher Freiheiten, sich nicht vorschreiben zu lassen, was man wie zu denken, zu erinnern und zu schreiben hat. Abgesehen davon, dass man in praktisch allen Medien dem Zwang zur ausführlichen Darstellung, Einordnung und Kommentierung des Krieges in der Ukraine sowieso nicht entkommt - und auch nicht entkommen soll -, ist es umso wichtiger und angeratener, sich daneben auch weiterhin mit anderem zu beschäftigen.

Zeitungsleser sind aus meiner Erfahrung dankbar dafür, wenn sich nicht alles nur um ein Thema dreht. Das war und ist in den - noch nicht wirklich überstandenen - Zeiten der Pandemie nicht anders: Auch da vereint das Virus, als Aggressor, viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich und sein eindringliches Wirken - und lässt anderen Existenzformen zu wenig Luft zum Atmen. Also kurzum: Ja, man soll auch von Luftigem, Leichtem und Unschuldigem erzählen! Aber leider habe ich jetzt keinen Platz mehr dafür.