Wenn Krieg der Vater aller Dinge ist, dann frisst er gerade seine Kinder. Wir werfen nervöse Blicke nach Kiew, keine Tagesreise von Wien entfernt, und haben in Gedanken die Karte der Ukraine ausgebreitet, wenn wir die Nachrichten verfolgen. Es sind zuvorderst die Menschen dieses Landes, denen unsere Sorge gilt. Und dann wären da noch Artefakte von hohem Symbolwert, die - pathetisch formuliert - für die gesamte Menschheit stehen. Für ihre Visionen, Herausforderungen und Möglichkeiten. Insofern ist gerade ein Traum in Brüche gegangen. Und zwar wortwörtlich.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es ist so: Auf einem Flugplatz namens Hostomel nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew stand nach einer Phase intensiver Einsätze - so brachte die Maschine Corona-Masken, Overalls und Helme aus China nach Europa - das längste und schwerste Flugzeug der Welt im Hangar. Die Antonow An-225, getauft "Mriya", was tatsächlich "Traum" bedeutet. Es handelt sich um ein Einzelstück. Oder muss man bereits schreiben: Es handelte sich? Denn die Antonow wurde beim Einmarsch russischer Truppen zumindest schwer beschädigt, eine Reparatur des Riesenflugzeugs ist ungewiss. Andere Quellen sprechen von der kompletten Zerstörung des aeronautischen Giganten.

Entwickelt wurde die sechsstrahlige Maschine Ende der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, um die sowjetische Raumfähre Buran zu transportieren. Nach dem Zerfall der UdSSR und der Einstellung des sowjetischen Raumfahrtprogramms 1994 stellte man die Antonow außer Dienst, um sie im Jahr 2001 schließlich wieder zu reaktivieren. Das schwerste je von ihr transportierte Einzel-Frachtgut war ein 187 Tonnen wiegender Generator für ein Gaskraftwerk in Taschkent - das Flugzeug selbst wiegt leer 175 Tonnen. Noch im Vorjahr war der Megafrachter mehrmals in Linz gelandet. Jetzt könnte der Stolz der ukrainischen Luftfahrt nur noch Schrottwert besitzen.

Die Antonow An-225 ist, das muss man in Zeiten wie diesen explizit festhalten, kein Militärflugzeug. Es gibt ja einen bestimmten Menschenschlag, der auch (und gerade) in technischen Dingen dem Militarismus zuneigt. Da wird ernsthaft verhandelt, wie viele Zentimeter Panzerstahl mit welcher Munition geknackt werden können, ob Drohnen die neuen Wunderwaffen sind oder welche Schubkraft Düsenjäger-Triebwerke haben müssen, um Gegnern garantiert den Garaus zu machen. Zumindest auf dem Papier. Die Schreckensbilanz eines Krieges, die Tragik seiner Rahmenumstände und die zumeist ganz und gar nicht heroische, sondern elendige Banalität von Sterben und Tod werden rigid ausgeklammert. Auch eine Form von Geisteskrankheit, wenn Sie mich fragen: Mordinstrumente zu Fetischen zu stilisieren und die Folgerungen komplett zu verdrängen.

Insofern muss jenen, die jetzt einmal mehr nach der Erhöhung von Wehrbudgets und Milliarden für neue Waffen rufen (wie etwa die heimische Bundesheer-Generaltambourin Klaudia Tanner), nachdrücklich gesagt sein: Die Verteidigung eigener Werte findet an erster Stelle im eigenen Kopf statt. Wenn man sieht, wie mutige ukrainische Bürger mit primitiven Molotowcocktails oder gar mit bloßen Händen den Usurpatoren entgegentreten, dann bekommt man eine gar nicht leise Ahnung davon.