Inzwischen kann ich echt nimmer so tun, als ginge mich der Krieg in der Ukraine nix an. Jedenfalls ist der Putin schuld, dass es bei mir daheim so "unaufgeräumt" ausschaut. Wieso? Hat eine verirrte Rakete mein Zimmer verwüstet (und das von meiner Schwester wundersamerweise verschont)? I wo. Aber ich wollte grad ein bissl Ordnung machen, ausmisten, weil der schmale Trampelpfad vom Bett zum Sofa immer wieder von einem umgefallenen Stapel aus Schuhkartons oder Büchern verschüttet wird, und eventuell ein wenig abstauben, da kommt plötzlich diese Meldung im Fernsehen.

Nämlich dass dieser stark weitsichtige Typ, der offenbar zu eitel ist, eine Brille zu tragen, und der deshalb seine Staatsgäste am anderen Ende eines urlangen Tisches platzieren muss, weil er sonst nicht erkennt, wer ihn da überhaupt besucht, ich hab also erfahren, dass der seine Atomwaffen auf mich richtet. Okay, er hat mich nicht namentlich genannt. Trotzdem nehm ich diese Drohung sehr persönlich. Sofort hab ich natürlich alles liegen und stehen lassen (den Staub liegen und die Stapel stehen) und mich auf die Couch gesetzt. Weil jetzt war der Zustand meines Zimmers auch schon wurscht. Außerdem würde ich die letzten Tage der Menschheit sicher nicht mit Frühjahrsputz verbringen. Sondern womit? Ist mir so spontan noch nix eingefallen. Moment: "Abschreckungswaffen", hat er eigentlich gesagt. Sind das nicht welche, die man sowieso nicht benutzt, weil ihr vorrangiger Zweck der Nichteinsatz ist? He, der Putin hat anscheinend mehr Angst vor mir als ich vor ihm; andernfalls müsste er mich doch nicht "abschrecken", oder? Bei mir hat er’s definitiv geschafft. Dann räum ich halt nicht auf. (Keine Ahnung, warum ihm das so wichtig ist. Na ja, ein Diktator eben. Der macht oft die deppertsten Sachen, bloß weil er’s kann.)

Noch dazu bin ich nicht multitaskingfähig. Ich kann mich nicht gleichzeitig vor Corona fürchten und vor Putins "Abschreckungswaffen". Gut, an geraden Tagen fürchte ich mich fortan vor Corona, an ungeraden vorm dritten Weltkrieg. An den Sanktionen beteilige ich mich dennoch an sämtlichen Tagen. Auf Facebook will wer, dass ich das Licht ausschalte, "um Putin zu zeigen, dass wir lieber im Dunkeln sitzen, als sein Gas und Öl zu kaufen". Blöderweise werden meine Lampen nimmer mit Gas betrieben. (Zum Glück mein Kühlschrank ebenso wenig.) Oh, ich könnte den Heinz anrufen. "Du, in deinen Feuerzeugen is doch Gas drin, gell?" - "Jo." - "Die darfst nimmer verwenden." - "Wegen dem Putin hör i bestimmt ned zum Rauchen auf." - "Musst eh ned. Kauf da Streichhölzer." Und ich kauf mir eine neue Lampe. Was Billiges "made in China". Das nackerte Birndl an der Decke muss ich gschwind mit was bedecken. "Russenluster", hallo? Schließlich will ich kein Regime unterstützen, das die Menschenrechte nicht achtet. Ob ich auch gleich einen Schlafsack besorgen soll? Nein, nicht um ihn den Ukrainern zu spenden, deren Häuser zerbombt werden. Was brächte das denn? Besser lege ich mich aus Solidarität mit ihnen selber eine Nacht in den Keller und poste ein Foto davon, für das ich nachher viele Likes krieg. Hoppala: "bekomme" - ich bin ja für den Frieden.

Und wie löse ich das Problem mit meinem kaum noch bewohnbaren Messie-Zimmer? Vielleicht am Sonntag. Das ist ein gerader Tag.