Immer mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis glauben, dass wir uns seit vielen Monaten nur noch im Kreis drehen, manchmal mit einer Maske vor dem Mund, manchmal ohne, aber eben dauernd nur rundherum, ohne dass irgendwas Neues passiert im Leben. So wie in dem Film, in dem Bill Murray mit dem dicken Murmeltier spricht, genauso ist das mittlerweile auch in Wien, glauben immer mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis. Ich glaube das nicht. Beim Krobath verändert sich ständig was. So habe ich mir zum Beispiel gleich zu Beginn der Krise einen feschen Vollbart stehen lassen. Was kurz Befriedigung verschafft hat. Und dann erst recht zum Problem geworden ist.
Jeder Mann, der plötzlich beschließt, von nun an auf den Rasierapparat zu verzichten, begreift schnell, dass ein Vollbart hauptsächlich deshalb Stress bringt, weil er täglich länger wird. Das führt zuerst zu blöden Fragen und dann zur Suche nach der Nagelschere.
Warum ich partout mein schönes Gesicht in ein borstiges Gestrüpp verwandeln will? Hauptsächlich aus religiösen Gründen.
Die blöden Fragen lassen sich sehr leicht sehr blöd beantworten. Die Suche nach der Nagelschere führt direkt zum Barbier an der Ecke. Jeder Mensch begreift sofort, wie klein, wie unbegabt und unbedeutend er im Großen und Ganzen ist, sobald er erstmals ernsthaft probiert hat, sich den Vollbart mit der Nagelschere schön zu schneiden. Da schaust du hinterher aus wie ein Taliban, den nicht mal mehr die Taliban in ihren Reihen haben wollen, und das geht nun wirklich nicht. Ob er zum Bart gleich auch noch die Haare machen soll, fragt der Barbier bei unserer ersten Begegnung in den Zeiten der Pandemie. Ich nicke und bereue hinterher zutiefst. Der Bart war fein gestutzt, die Frisur erinnerte an das, was meine Mutter in der Volksschulzeit an mir verbrochen hat.
Jedes Mal kommt seitdem dieselbe Frage beim Barbier, jedes Mal lehne ich bedauernd ab, jedes Mal mit einer neuen, gut gestrickten Ausrede. Könnte natürlich leicht auch sagen, dass meine Haare eh schon länger die fesche Friseurin macht, sie kann das besser, er darf nur mehr an den Bart heran. Ich bringe das nicht über die Lippen. Ich möchte meinen Barbier nicht beleidigen. Lieber sich winden und tausend Ausreden erfinden. Seitdem habe ich eine neue Frage bei der morgendlichen Meditation: Entweder hat mich die Pandemie zum höflichen Menschen gemacht. Oder zum kompletten Irren.